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Romane

„Wolfsrudel“ von Floortje Zwigtman

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Eine durch historische Ereignisse inspirierte Geschichte, die den Schrecken rivalisierender Jugendbanden mit der Tragik von Vlad Tepes‘ Schicksal verquickt.

Auf ein Abenteuer hoffen Ion, Alexandro und Vulpe, als sie ihr langweiliges Bauernleben aufgeben und frohen Mutes losziehen, um sich der Räuberbande des gefürchteten Lupu Branistari anzuschließen. Die drei Jungs versprechen sich Ruhm und schnelles Geld von ihrem künftigen Räuberdasein, nichts ahnend, wohin sie ihr Entschluss führen wird. Bald schon, nachdem sie zur Bande von Vulpes großen Bruder gestoßen sind, verschlägt es die Strauchdiebe in die Ruinen von Snagov. Ein verfallenes Kloster liegt dort auf einer Insel und bietet den jungen Wilden mit seinen hohen Mauern Schutz vor Ordnungshütern. Mythen ranken sich um das geschichtsträchtige Gemäuer, das auch die Zufluchtsstätte des berüchtigten Woiwoden Vlad Tepes gewesen ist, schließlich seine letzte Ruhestätte sein sollte, um späterhin ein Gefängnis zu werden und nun verlassen dazuliegen. Glaubt man den Gerüchten, sollen in den Ruinen Geister ihr Unwesen treiben. Eigentlich wollten Ion und seine Freunde dort nur für eine Weile einen sicheren Unterschlupf beziehen. Doch eine folgenreiche Begegnung ändert diesen Plan.

Wolfsrudel ist eines dieser Bücher, über das man vor dem Lesen am besten nichts weiß. Denn was als Jugendabenteuer beginnt, mündet bald in unvorhersehbare Schrecken. Wer die volle Spannung genießen will, hält nach diesem Absatz besser inne und vertraut mir, dass es sich bei dem Roman um eine gut erzählte Fantasy-Geschichte handelt, die das Böse im Menschen beleuchtet, aber trotz schwerer Kost wie Gewalt und Machtmissbrauch jugendgerecht geschildert ist.

Schon der Inhaltsabriss auf dem Buchrücken verrät zu viel. Zwar ruiniert der nicht die großartige Geschichte, nimmt aber eine Überraschung vorweg: An den Gerüchten über Geister ist etwas dran. Nachdem die jungen Räuber ein Fürstengrab auf der Insel plündern, erscheint ihnen bald ein Schafhirte, der mit seltsam verführerischen Worten Vulpe dazu bringt, eine Splittergruppe innerhalb des Rudels zu gründen. Vulpe ist immer schon neidisch auf seinen großen Bruder Lupu gewesen und will sich nicht länger von ihm herumkommandieren lassen. So gelingt es dem Schafhirten bald, Vulpe, Ion und Alexandro einzulullen und zu weit Schlimmeren anzustiften als zu Raubzügen. Denn anders als Lupu Branistari schrecken der Schafhirte und mit ihm seine neugewonnenen Jünger vor keiner Grausamkeit zurück – bis es zwischen den ungleichen Brüdern zu einem Streit kommt, der die Räuber in zwei Lager aufspaltet.

Noch geheimnisvoller wird die Geschichte, als zwischen der zunehmend eskalierenden Handlung auf Snagov in Briefen und Auszügen der Klosterchronik plötzlich das Leben des Vlad Tepes und seines Bruders Radu geschildert wird. Durch diese Montage drängt sich eine Relation zwischen dem Herrscher der Walachei aus dem 15. Jahrhundert und dem Schafhirten auf, denen durchaus eine unangenehme Haltung gemeinsam ist. Ob es sich um den als Dracula bekannten Tyrannen handelt oder nicht, bleibt bis zum Schluss ein Rätsel. Wie dem auch sei, die ineinander verschränkten Erzählungen teilen mehr als das. Sie vereint die Tragik des Bruderkampfes und der seelischen Verrohung, die mit andauernden Gewaltexzessen einhergeht. Mit den inneren Konflikten der Räuberbande kippt die Handlung schließlich von einem Abenteuer- in einen Horrorroman.

In Wolfsrudel geht es außerdem um das Erzählen selbst. Es ist Ion Brebu, der die Geschichte seinem Sohn erzählt, welcher sie wiederum drucken lässt. Dadurch wird eine Art fiktive Authentizität geschaffen, die Ions Erzählung innerhalb der Fiktion als wirklich kennzeichnet und gewissermaßen erklärt, wie das Buch in die Hände des Lesers gelangt ist. Neben den eingeschobenen Briefen Radus und den Snagover Chronikauszügen mischen sich außerdem längere Erzählungen der Figuren in die Handlung und ermöglichen Rückblicke, die über das beengende Szenario auf Snagov hinausreichen.

Interessant ist hierbei, dass in Zwigtmans Roman die im Fantasy-Genre oft anonyme Erzählstimme erstens wieder zu fassbaren Erzählern wird, die erlebt haben, wovon sie berichten. Zweitens wenden sich diese Erzähler, seien es nun Ion, Radu oder der Schafhirte, wieder an ein Publikum. Wem und warum erzählt wird, ist wieder zu fassen und verschwindet nicht hinter einem blassen Erzähler, der weder die Handlung kommentiert noch anderweitig auffällt, sodass man überhaupt schnell vergisst, dass es ihn geben muss. Diese Erzählsituation an sich ist nichts Besonderes, fügt sich aber in ihrer Ursprünglichkeit gut zu dem einfachen Ton der Geschichte ebenso wie zu den simpel gestrickten, deshalb aber menschlich wirkenden Figuren. Sie sind eben Bauernlümmel, die Räuber wurden oder es noch werden wollen.

Floortje Zwigtmans Wolfsrudel ist eine durch historische Ereignisse inspirierte Geschichte, die den Schrecken rivalisierender Jugendbanden mit der Tragik von Vlad Tepes‘ Schicksal verquickt. Über beiden Handlungen scheint der Ausspruch zu schweben: Gewalt erzeugt wieder Gewalt. Der Roman ist spannend erzählt und bleibt trotz der vielen Erzählebenen, die mein Lesevergnügen bereicherten, leicht zu lesen. Das Buch ist auch für nicht mehr ganz jugendliche Leser geeignet. Allerdings sind die gewalthaltigen Szenen stellenweise deutlich entschärft.

Letzte Änderung amMontag, 05 März 2018 10:23
André Vollmer

Schriftsteller, der Kritiken schreibt; Gründer von Mellowdramatix, Studierter (Germanistik & Skandinavistik, M.A.); am Meer geboren; auf Twitter als er selbst (@avmllr) und in seinem Schreibatelier für kleinste Formen (@anderwaerts)

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„Das Grauen (seltener: der Graus) ist ein Substantiv der gehobenen Umgangssprache für ein gesteigertes Gefühl der Angst oder des Entsetzens, das meist mit der Wahrnehmung des Unheimlichen oder Übernatürlichen verknüpft ist. Es rührt sprachgeschichtlich vom mhd. grûwen, „Schauder“ her, welcher Begriff auch als Synonym verwendet wird.“

– Wikipedia