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Brett- & Kartenspiele

Mit Würfeln Geschichten erzählen

Rory's Story Cubes und Magische Geschichtenwürfel Rory's Story Cubes und Magische Geschichtenwürfel

Geschichten stehen bei uns im Fokus. Warum also nicht einmal selbst spielerisch erzählen? Diese Würfelspiele regen die erzählerische Fantasie an.

Rezension

Geschichten erzählen kann jeder, insbesondere, wenn die Geschichten vorrangig Vergnügen bereiten sollen. Sie müssen nicht perfekt sein. Nicht einmal eine geschlossene Handlung müssen sie aufweisen oder in sich schlüssig sein. Am besten man erzählt einfach drauf los, auf dem Wellenkamm der Inspiration reitend. Zumindest könnte man so die folgenden zwei Erzählspiele spielen, die beide demselben Prinzip folgen, aber von verschiedenen Spieldesignern stammen: Rory’s Story Cubes von Creativity Hub und Magische Geschichtenwürfel von moses Verlag. Und so spielt man die Spiele:

Aus neun Würfeln mit je sechs Motiven entsteht eine Geschichte

Derjenige, der an der Reihe ist, eine Geschichte zu erzählen, nimmt eine Hand voll Würfel – neun Stück, um genau zu sein – und rollt sie. Natürlich nicht irgendwelche Würfel, sondern Geschichtenwürfel, die auf jeder ihrer sechs Seiten ein anderes Motiv zeigen. Mit jedem Wurf ergibt sich so eine zufällige Zusammenstellung aus neun Bildern, aus denen derjenige, der an der Reihe ist, eine Geschichte bastelt. Das funktioniert erstaunlich gut und kann, obwohl als Gesellschaftsspiel konzipiert, genauso gut als Kreativtechnik verwendet werden. Der Clou dabei ist, dass auf den Würfeln nicht irgendwelche Motive abgedruckt sind, sondern solche, die einen thematischen Zusammenhang aufweisen. Zum Beispiel kann es um Fantasy, Märchen, Piraten oder Reiseabenteuer gehen, je nachdem welche thematische Ausgabe man sich zugelegt hat. Das erleichtert das Erzählen einer Geschichte ungemein.

Zudem sind die Motive als solche gut gewählt, sowohl bei Rory’s Story Cubes als auch bei den Magischen Geschichtenwürfel, denn sie verweisen beide auf typische Merkmale eines Genres, die fast jeder kennt und die augenblicklich die Fantasie anregen, vermutlich weil sie direkt den verborgenen Schatz an Geschichten ansprechen, der sich über die Zeit in unserem Kopf angehäuft hat. Mit etwas kreativer Starthilfe können wir diesen Schatz heben, also die uns bekannten Merkmale eines Genres aktivieren und leicht neu kombinieren. Denn fast jeder weiß in etwa, was eine Piratengeschichte oder ein Märchen ausmacht. Motive aus der Märchen-Ausgabe der Magischen Würfel sind daher unter anderem ein Haus im Wald, ein Zauberring, eine schwarze Katze, eine Prinzessin, ein vierblättriges Kleeblatt, ein Wolf, ein Frosch, ein Schwert, eine Hexe, ein grinsender Schädel in der Dunkelheit – und so weiter und so fort.

Aus neun Motiven eine Geschichte basteln – Ob das Spaß macht?

Der Witz dieser Würfelspiele ist nicht nur die sechs gewürfelten Motive so zu verbinden, dass eine Geschichte daraus wird, sondern außerdem zu entscheiden, was diese Motive in der eigenen Geschichte bedeuten sollen. Da wir es hier mit Symbolen zu tun haben, die für etwas stehen, das durch die Abbildung auf den Würfelseiten nur grob umrissen ist, wird jedes einzelne Motiv zu einer fantasievollen Ausdeutung. Denn wofür steht wohl ein vierblättriges Kleeblatt? Für Glück, Zufall oder einfach für ein Kleeblatt, das vier Blätter hat? Und worauf ist es in der erzählten Geschichte bezogen? Auf einen irren Zufall, der den Helden rettet? Auf den glücklichen Umstand, dass er seine Prinzessin getroffen hat? Oder beschreibt es den Helden selbst, der einfach ein wenig sonderbar ist, so wie eben ein vierblättriges Kleeblatt, das in der Natur eher selten vorkommt. Die Motive auf den Würfelseiten sind nur Bilder, das heißt: Für was sie stehen, entscheiden allein die Spieler. Auf diese Weise kann man bekannte Märchen nacherzählen oder die gewürfelten Motive zu einer ganz neuen, eigenen Interpretation aus vermutlich unendlich vielen Interpretationen, die möglich wären, zusammensetzen.

Klar ist aber auch, dass von nichts nichts kommt. Man sollte also an dem Erzählen einer Geschichte Spaß haben können, damit diese Würfelspiele nicht zu einer Quälerei verkommen. Wem partout nichts einfällt, der hat entweder einen zu großen Anspruch an die eigene Geschichte und verkrampft sich ein bisschen oder aber das Erzählen als solches begeistert ihn einfach nicht. Was vollkommen in Ordnung ist. In einem solchen Fall sind diese Würfelspiele allerdings nicht zu empfehlen. Zudem kann es leicht passieren, dass nach ein paar Geschichten die Luft heraus ist, vielleicht weil die erzählten Abenteuer sich ein wenig wiederholen und die Kreativität ermüdet. Diese Würfelspiele sind daher äußerst kurzweilig und eignen sich gut für zwischendurch, um die Stimmung am Spieltisch ein wenig aufzulockern.

Verschiedene Spielweisen: Gemeinsam erzählen statt allein

Hartnäckige Geschichtensucher und anderweitig Erzählwütige können dem Ermüden der Kreativität aber auch vorbeugen, indem sie die Würfelspiele ein wenig anders spielen als oben beschrieben. Wer die Herausforderung sucht, kann sich zum Beispiel vornehmen, die Geschichte in der Reihenfolge zu erzählen, in der die Würfel auf den Spieltisch gefallen sind, anstatt sie nach Belieben anzuordnen.

Ein stimmungsvoller Spielmodus ist auch das gemeinsame Erzählen mit einer oder mehreren Personen, die sich entweder Würfel für Würfel oder Wurf für Wurf abwechseln. Das gemeinsame Erzählen kann eine Erleichterung sein, weil man sich nicht alles allein ausdenkt. Er bietet aber auch ein zusätzliches Spannungsmoment, weil keiner der Spieler wissen kann, wie die Geschichte weitergeht, sobald der nächste übernimmt. Das gemeinsame Erzählen verstärkt zudem die Interaktion zwischen den Spielern. Sie können einander zuarbeiten oder sich gegenseitig das Leben schwermachen. Gemeinsam lassen sich auch längere Geschichten erzählen, indem jeder Wurf zu einem Kapitel wird, das von einem Spieler erzählt wird.

Die Spiele im Vergleich

Die beiden Würfelspiele nehmen sich gegenseitig nicht viel. Kleine Unterschiede gibt es aber. Rory’s Story Cubes ist eher auf die Kombination verschiedener Würfelsätze angelegt und bietet daher deutlich mehr thematische Ausgaben, darunter leicht überteuerte Zusatzpacks mit jeweils zwei oder drei Würfeln sowie Merchandise-Sets, etwa Erzählwürfel mit Motiven zu Batman, Scooby Doo oder   Adventure Time. Magische Geschichtenwürfel hingegen beschränkt sich auf die Themensets Märchen, Piraten und Geister. Außerdem weist dieses Spiel eine kleine Zusatzregel auf, die bisher verschwiegen wurde. Zwei Würfel haben hier neben ihren thematischen Motiven noch ein Super-Power-Symbol, das dem Helden der Geschichte eine Superkraft verleiht. Welche das ist, wird mit dem neunten Würfel separat ausgewürfelt.

Ansonsten unterscheiden sich die Spiele in der Aufmachung. Rory’s Story Cubes verwendet Kunststoffwürfel mit eingravierten Motiven in herkömmlicher Größe, hingegen Magische Geschichtenwürfel deutlich größere aus Holz mit aufgedruckten Motiven.

Welche Würfelsätze einem von den Motiven her gefallen und welche nicht, prüft man am besten vor dem Kauf selbst und schaut sich verschiedene Themenausgaben an. Insgesamt ist die Motivauswahl aber bei beiden Spielen gelungen.

Geschichtenwürfel

Auch gut für Kreativtechniken und „Pen & Paper“-Rollenspiele

Wer beruflich kreativ arbeitet, kann die Geschichtenwürfel als spielerische Lockerungsübung verwenden, bevor die eigentliche Arbeit losgeht. Denkbar wäre auch, die Würfel für ein Online-Erzählspiel in Blogs zu gebrauchen, um ein wenig zu netzwerken. Blogger könnten dann etwa eine Geschichte erzählen, sie samt Würfelergebnis auf ihrer Website veröffentlichen und andere Blogger dazu einladen, auch eine Geschichte zu erzählen. Genauso gut ließen sich die Geschichtenwürfel für „Pen & Paper“-Rollenspiele einsetzen, da diese ohnehin Erzählspiele sind. Normalerweise erzählt hierbei ein Spielleiter alles, was in einem Abenteuer geschieht, außer eben die Aktionen der Spieler, die in die Rolle der Hauptfiguren schlüpfen und diese verkörpern (mehr zu Rollenspielen, externer Link). Eine Rollenspielgruppe könnte nun das Experiment wagen, ohne einen Spielleiter zu spielen und stattdessen gemeinsam zu erzählen, was passiert. Den nötigen Zufall bringen hierbei die Geschichtenwürfel. Man müsste sich dazu noch ein paar Regeln ausdenken, würde aber vom Grundsatz her gemeinsam eine Geschichte erzählen, wie oben beschrieben, nur dass eben noch weitere Spielregeln aus dem jeweiligen „Pen & Paper“-System hinzukämen. Ohne bisher so einen Rollenspielabend ausprobiert zu haben, scheinen mir die Geschichtenwürfel aber genug passende Motive für jedes Rollenspielsystem herzugeben. Für Rory’s Story Cubes gibt es sogar eine Fantasy-Ausgabe mit Zauberern und Elfen. Aber auch die Ausgabe mit dem Eigennamen voyages könnte sich gut für Rollenspiele eignen, weil es hier um Abenteuerreisen geht.

Fazit: Lockerleichtes Geschichtenerzählen

Die Erzählspiele Rory’s Story Cubes und Magische Geschichtenwürfel laden zu einem unterhaltsamen, kurzweiligen Erzählen von Geschichten ein. Die treffend ausgewählten Motive auf den Würfelseiten regen die Kreativität erstaunlich gut an, sodass man leicht in einen lockeren Erzählfluss gerät. Man sollte es allerdings mögen, Geschichten zu erzählen. Andernfalls sind diese Spiele nicht zu empfehlen. Beide Spiele bieten mehrere thematische Ausgaben, mit denen man ganz verschiedene Geschichten erzählen kann. Keines der beiden Spiele überragt das jeweils andere. Rory’s Story Cubes weist allerdings eine größere thematische Auswahl auf, was aber nur relevant ist, wenn man mehrere Würfelsätze kombinieren möchte. Welches der beiden Spiele man am Ende nimmt, ist letztlich eine Geschmacksfrage und hängt auch davon ab, welches Design einem besser gefällt, insbesondere ob man eher große Würfel aus Holz (Magische Geschichtenwürfel) oder normal große Kunststoffwürfel (Rory’s Story Cubes) bevorzugt. Preislich liegen die Spiele dicht beieinander. Der Preis für Rory’s Story Cubes schwankt je nach Verkäufer und Ausgabe von acht bis zwölf Euro, während die Magischen Geschichtenwürfel in etwa bei elf bis zwölf Euro liegen. Wer es lieber digital für unterwegs mag, kann Rory’s Story Cubes auch als App erwerben.

Infokasten

„Rory’s Story Cubes“

Spieldesign: Rory O'Connor

Verlag: Creativity Hub / Asmodee

Großbritannien | 2005

 

„Magische Geschichtenwürfel“ (OT: Magic & Fairy-Tale Dice)

Spieldesign: Magma

Illustration: Hannah Waldron

Verlag: moses Verlag

Großbritannien | 2012 (Originalausgabe)

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Letzte Änderung amMontag, 11 Februar 2019 18:12
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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