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Film

„Scherzo Diabolico“ von Adrián García Bogliano

Filmplakat (Ausschnitt) Filmplakat (Ausschnitt)
Kunstvoller Entführungsthriller, der seine Kraft und Ästhetik einem platten Ende opfert

Aram (Francisco Barreiro) ist ein armes Schwein, das fleißig in einer Kanzlei buckelt. Leider nur, um zwielichtige Gestalten aus ihren Miseren herauszuboxen und ohne jemals auch nur eine Überstunde bezahlt zu bekommen. Und kaum ist er endlich daheim, beginnt das Nörgeln der Ehefrau, die er auch schon länger nicht mehr nackt gesehen hat. Das treibt Aram in die Arme einer Prostituierten. Nicht nur dort scheint er zu grübeln. Etwas bewegt ihn, formt sich in ihm heran. Ein Plan, der sein Leben ändern soll: die Entführung einer Schülerin.

Der mexikanische Low-Budget-Film Scherzo Diabolico ist in vielerlei Hinsicht ein Lehrstück. Zum einen, weil der Regisseur Adrián García Bogliano deutlich zeigt, dass weder die Ausstattung, noch eine etwaige Starbesetzung oder die Qualität der digitalen Nachbearbeitung die Essenz eines Films ausmachen, sondern die Idee und ihre Umsetzung. Zum anderen, wie sehr eine platte Wendung die sonst gelungene Handlung ruinieren und einen Film damit leider nicht sehenswert machen kann. Es sei denn, das Publikum möchte mitansehen, wie trotz knappen Budgets die Entführung einer Schülerin (Daniela Soto Vell) bis auf einige Ungereimtheiten äußerst kunstvoll erzählt wird, nur um die bis dahin entwickelte Ästhetik durch einen gänzlich lächerlichen Racheplot zugrunde zu richten. Aber mitzuerleben, wie aus mühevoll heraufbeschworener Schönheit plötzlich dümmster Trash wird, kann – auf der Metaebene – gewiss auch ein Schreckenserlebnis vermitteln, was wiederum seinen Reiz hat.

scherzo diabolico 1scherzo diabolico 4Es gibt solchen und solchen Trash. Einen, der es sein will, und einen, der es ohne Absicht wird, weil er wortwörtlich Müll ist. Die letzte halbe Stunde von Scherzo Diabolico lädt nicht dazu, sie als ersteres zu verstehen. Zu hart ist der Kontrast zum restlichen Film, zu dessen kunstvoller Inszenierung stummer und zugleich vielsagender Bilder, untermalt von klassischer Musik, die entscheidend ist für die charakterliche Wendung des Opfers. Großartig wird Arams perfide Planung der Entführung geschildert, von der lange nicht klar ist, in welche Richtung sie gehen wird. Die parallele Darstellung seiner Lebensumstände schafft Raum für viele Motive: die sexuelle Frustration in der Ehe, die Kompensation derselben mit einer Prostituierten, sein plötzliches Interesse für harte Fesselspiele, seine sinnfreie Arbeit in einer Kanzlei, die er mit Bravur bewältigt, ohne dass sie je gewürdigt wird. Daheim macht ihm die Frau Vorwürfe, die Karriere geht nicht voran, das Geld ist zu knapp. Was die Hauptfigur tatsächlich zur radikalen Tat bewegt, ob es nicht vielleicht eine Tat aus krankhafter, unerfüllter Lust ist oder doch kalter Berechnung folgt, ist die erste erstaunliche Wendung des Films.

Das Geschehen nach dem zweiten Umschlag der Handlung, als das Opfer erkannt hat, wer sein Häscher ist, wird dagegen nur albern, klischeehaft und mit Plotholes so groß wie Schlaglöcher inszeniert. Es ist hanebüchen, wie zusammenhanglos, unmotiviert und hingeklatscht die Rache der entführten Schülerin wirkt, die urplötzlich Einbruchsspezialistin, Hackerin, Waffenexpertin und Nahkampfspezialistin geworden ist, nicht zuletzt Massenmörderin und Liebhaberin der feinen Folterkünste. Die Wandlung des Opfers zum psychopathischen Rächer ist ein bekanntes Schema, das man zum Beispiel aus dem Horrorsubgenre Rape & Revenge kennt, wo Vertreter wie I Spit on your Grave (2010) diese charakterliche Kehrtwende glaubhaft schildern, zumal die unsägliche Gewalt und Vergewaltigung, die der Protagonistin dieses Films angetan wird, die Vehemenz ihrer Antwort nur allzu sehr plausibilisiert. Eine derartige Gestaltung spricht direkt zu einem uralten, längst überkommenen Gerechtigkeitssinn des Menschen, dem medial zu frönen nichts Verwerfliches ist; viele Hollywood-Blockbuster funktionieren ganz ebenso nach den Prinzipien der Selbstjustiz und der Rache.

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Eigentlich ist es großartig, wie jene Schülerin, die so viel durchmachen musste, von einem Moment zum nächsten wie ausgewechselt ist. Durch Zufall vernimmt sie das klassische Musikstück, das Aram sie zu hören zwang, als sie gefesselt und geknebelt in dessen Kofferraum gelegen hatte, und tickt aus. Zorn und Leid brechen sich Bahn, die Rache beginnt. Mit ihrer Wandlung hätte die grandiose Geschichte eines Opfers erzählt werden können, das zum Täter wird und damit die Tragik seines Peinigers wiederholt, der selbst ein Opfer ist, wenn auch in einer deutlich anderen Art und Weise. Doch Adrián García Bogliano, der auch das Drehbuch verfasste, verzichtet darauf, die Motivation der Rächerin so glaubhaft wie Arams zu erzählen, und verfehlt damit eine einmalige Chance. So einfach hätte durch einen Wechsel des Protagonisten eine neue Perspektive eingenommen, mehr noch das Innenleben eines traumatisierten Mädchens fokussiert, die Verwirklichung der Rachepläne durch ihre Gewöhnlichkeit spannender werden können. Stattdessen wird sie aus dem Nichts zum sadistischen Übermenschen, der Aram und alle, die ihm nahestehen, heimsucht.

Was bleibt, ist Boglianos mutige Idee, die Figurenkonstellationen mehrfach umzuwerfen und neuzuordnen, was aufgrund der Umsetzung nur teils für Überraschung und Spannung sorgen konnte. Dank der platten Wendung verbleibt Scherzo Diabolico weniger noch als Trash. Es ist ein gescheiterter Film, der hätte besonders sein können, aber nichts weiter dokumentiert als sein eigenes Scheitern.

Trotz allem, der Film ist kürzlich auch in Deutschland auf DVD/Blu-Ray erschienen. Vielleicht ist an Scherzo Diabolico etwas, das ich nicht sehen kann, aber zum Beispiel die Veranstalter des Fantasy Filmfestes sahen, als sie den Film 2015 ins Programm aufnahmen. Meist ist das eine Auszeichnung für Horror- und Phantastikfilme, mit der im deutschen Handel gern geworben wird.

Letzte Änderung amDienstag, 05 September 2017 14:20
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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