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Film

„Under the Shadow“ von Babak Anvari

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Iranisches Horrordebüt: die Heimsuchung einer zweifelnden Mutter

Teheran in den 80ern: Krieg wälzt sich träge, aber stetig der Metropole entgegen, Nachrichten über sein Näherrücken häufen sich, mehr und mehr Menschen suchen andernorts Zuflucht. Aber Shideh bleibt (Narges Rashidi). Die junge Mutter will ihre Selbstständigkeit nicht aufgeben, indem sie bei Verwandten einkehrt. Zugleich ist sie in der Hochhauswohnung wie eingesperrt mit ihrer Tochter Dorsa (Avin Manshadi). Durch die Karriere als Ärztin hat das restriktive System einen Strich gemacht und sie der Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Arbeitsleben beraubt. Dabei ist Shideh eine toughe und intelligente, dem Westen zugewandte Frau, die ihre Aerobic-VHS von Jane Fonda frech vor Regime und angepasster Nachbarschaft verborgen hält, wie notgedrungen auch sich selbst. Und dann der Streit mit dem Gatten (Bobby Naderi): Ob es ohne Medizinstudium nicht ohnehin besser wäre? Ob sie daheim nicht gut aufgehoben sei? Dann, als die Sirenen heulen, Bombengefahr! Der Krieg hat Teheran erreicht. Aber nicht nur der kommt aus dem Himmel, auch das Böse ist mit den Winden gereist und nistet sich ein in Shidehs vier Wänden, wo es Zwietracht säen will.

Under the Shadow ist besonders, und das nicht nur „seiner Exotik wegen“, wie manche Stimme auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest kundtat, wo der Film dennoch und zu Recht den Publikumspreis für Debütfilme gewonnen hat, den Fresh Blood Award. Was hier als Exotik interpretiert wurde, ist eigentlich die offene Problematisierung gesellschaftlicher Verfasstheiten eines uns fremden Kulturraums, der, gefühlt oder nicht, in den unsren vordringt und aufgrund der Reibungen, die das bringt, für uns interessant geworden ist (es dabei immer schon gewesen war). Insofern ist mein Blick auf den Film ein europäischer, der auf die fehlende Freiheit des Individuums blickt, aber auch einer, der das Fremde umarmen will! Wie wunderbar deshalb, dem Farsi zu lauschen. Und wie eindringlich der Schrecken darin klingt, wie durchdringend die sanften, bisweilen kratzigen Klänge. Wie hervorragend die Arbeit der Schauspieler, allen voran Narges Rashidi und Avin Manshadi, die Mutter und Tochter spielen. Deshalb ist Under the Shadow so besonders: weil zu gutem Schauspiel immer auch gute Schauspielführung gehört; weil Schauspielleistung und Problematisierung der Gesellschaft zusammenfließen in einem atemraubend spannenden Horrorfilm, der wiederum, indem er einer weltlichen Angst eine übernatürliche entgegenstellt, ein sehr klassischer ist.

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Denn deshalb ist das Böse mit den Winden gekommen: es wittert Shidehs unverschuldete Schwäche, die Unzufriedenheit mit dem Mangel an Möglichkeiten, die sie ihre Rolle als Mutter und Ehefrau in Frage stellen lässt – aber auch die Liebe zu ihrem Kind? Die Inszenierung führt uns Zuschauende ins Ungewisse, sodass wir an Shideh zweifeln wollen. Wird sie genügen? Ist sie eine gute Mutter, eine vorbildliche Ehefrau? Diese missliche Lage auszunutzend, will das Böse Shideh und Dorsa gegeneinander auszuspielen. Es wird bald aggressiver und begnügt sich nicht länger damit, Türen ins Schloss zu schlagen. Parallel zu Albträumen und poltergeisthaften Übergriffen häufen sich die Luftangriffe und Stromausfälle, die Mutter und Tochter immer wieder in den Schutzkeller treiben, wo das Dunkel umso dichter ist und sie schon erwartet. Wie sowohl die realistische als auch die phantastische Bedrohung auf einen Höhepunkt zustreben, die Situation wechselwirkend umso desparater machen, ist großartig geschrieben.

Under the Shadow ist außerordentliches Kino. Nicht weil es politisch gerade angesagt wäre – obwohl das seinen Erfolg auf dem westlichen Markt fördern, vielleicht auch verhindern könnte – sondern weil all dies ein Erstlingswerk schafft: die beengende Atmosphäre, die Intensität der wachsenden Bedrohung, die bewegenden Figuren und ihre realistischen, ja, bald tagesaktuellen Probleme. Das ist ein Auftakt mit Bravur für Babak Anvari, Regisseur und Drehbuchautor eines Films, der unter die Haut geht. 

Trailer zu Under the Shadow

Letzte Änderung amDienstag, 05 September 2017 14:26
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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„Phantastische Literatur: ungenauer, auch missverständlicher Sammelbegriff für ein breites, auch Triviales [...] umfassendes Spektrum von Literatur. Das Phantastische erscheint in der fiktionalen oder imaginativen Literatur als vielschichtiges Phänomen.“

 Literatur Brockhaus