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„Kedi: Von Katzen und Menschen“ – Ein Streicheln für die Seele

Filmplakat (Ausschnitt) Weltkino Filmverleih Filmplakat (Ausschnitt)

In Istanbul leben Tausende von Straßenkatzen. Sieben davon folgt diese Doku durch den Alltag und fängt dabei die Geschichten der Menschen ein, die ihnen begegnen.

Rezension

Kedi 1Ein Schnurren streift durch die Kinos. Dorthin gebracht hat es eine sehr erfolgreiche türkische Dokumentation über die Straßenkatzen Istanbuls und deren menschlichen Freunde. In weniger als anderthalb Stunden erzählt Kedi den Alltag von sieben Katzen in der alten Metropole, die bekannt ist für ihre unregistrierten Mitbürger auf Samtpfoten. Der Dokumentarfilm inszeniert die Lieblingstiger des Internets als herausstechende Persönlichkeiten und zeigt ihre individuellen Angewohnheiten, schlechte wie gute. Das sind unter anderem Bengü die Liebhaberin, die sich gern bürsten und liebkosen lässt, Aslan Parçasi der Jäger, der sich eines Tages bei einem Restaurant niederlässt und es von Mäusen befreit, oder Sari die Gaunerin, die Tag für Tag ihre Revier abläuft und durch die Cafés tingelt, um das eine oder andere Häppchen abzugreifen. Am Fuße eines Treppenhauses wohnen ihre tapsigen Jungen, die gefüttert sein wollen. Wenn Sari mit ihrer Beute zu ihnen hinein will, mauzt sie und es findet sich immer ein Mensch, der ihr öffnet.

Kedi, das ist Türkisch und bedeutet Katze. Aber von Katzen allein handelt dieser Film nicht, auch wenn er die Samtpfoten zu seinen Protagonisten macht und sie in sehr ästhetischen Nahaufnahmen zeigt, ihnen aus der Verfolgerperspektive und damit wie auf Augenhöhe nachspürt oder sie vor der Weite des prachtvollen Stadtbildes ablichtet, mal umherstreunend und von Mauer zu Mauer springend, mal bloß verschlafen auf der Markise liegend. Die Katzen haben für denjenigen, der sie mag oder gar liebt, einen unglaublichen Schauwert. Doch die Dokumentation wäre nur halb so schön, gäbe es da nicht auch die Menschen, die von ihren Erlebnissen mit jenen Katzen berichten, die plötzlich in ihr Leben getreten sind. Das sind vielfach sehr tiefsinnige, teils zudem religiöse Anschauungen über das Zusammenleben von Mensch und Katze in den Istanbuler Straßen sowie über die Natur der Katze. Der Film zeichnet eine Freundschaft zwischen Städtern und Katzen, eine Symbiose beinahe, als würden die Räuber auf vier Pfoten für etwas Futter und Zuneigung den Istanbulern im Gegenzug Trost spenden, der das Negative des sozialen Miteinanders abfedert und den Stadtalltag aufwärmt. Als ließen uns die Katzen für ein wenig Fürsorge an ihrem geheimnisvollen und anmutigen Wesen teilhaben, das Philosophie, Religion und Kunst schon immer Anlass zur Spekulation gegeben hat. „Wer eine Katze hat, braucht das Alleinsein nicht zu fürchten“, soll ja etwa Daniel Defoe, der Autor des Romans Robinson Crusoe, festgehalten haben.

Kedi 3In dem Kontext Mensch und Katze wirft der Dokumentarfilm auch die Frage auf, ob Katzen überhaupt als Haustiere gehalten werden sollten. Viele der interviewten Istanbuler verneinen dies, da der Katze andernfalls ihr ursprüngliches Naturell genommen werde. Das seien unter anderem ihre Ungebundenheit und ihre Eigenwilligkeit. Sie komme und gehe, wie sie wolle; sie ist ihr eigener Herr und nur deshalb könne sie dem Menschen ein gleichwertiger Freund sein, der auch nur sich selbst als Herren duldet. Insgesamt entwickelt der Film so ein sehr positives Bild, ja klammert das Negative, das die Unmengen Straßenkatzen verursachen (könnten) leider aus, wenn auch ein wenig Tragik zugelassen, aber dann doch wieder nicht zu Ende erzählt wird. Unerwähnt bleibt etwa der allgemeine Gesundheitszustand der Tiere, ob sie Krankheiten übertragen können oder wie sich die hohe Zahl an Katzen auf die städtische Vogelwelt auswirkt. Zumindest hierzulande wird im Zusammenhang mit einer Katzensteuer diskutiert, ob Hauskatzen während der Brutzeit einheimischer Vogelarten keinen Freigang erhalten sollten (denn auch wohlgenährte Hauskatzen gehen noch ihrem Jagdtrieb nach und fangen alles, was kleiner ist als sie).

Aber derlei will Kedi nicht zeigen und ist daher weniger eine informative Dokumentation als vielmehr eine arrangierte Erzählung, die zwar direkt ins Leben greift und es wunderschön poetisiert, die Ambivalenzen der Realität aber nur streift. Das hat seine Berechtigung, sofern man den Film als einen Liebesbrief an Istanbul, seine Menschen und eben auch an seine Katzen begreift, so wie es die Macher laut einem Interview mit dem WDR tun; denn ein Liebesbrief will ja eher verführen als abbilden (und soll es auch dürfen). Menschen wollten gerne daran erinnert werden, dass sie nicht nur schlecht seien, meint Produzent Charlie Wupperman im Interview. „Dass es nicht nur schreckliche Sachen in der Welt gibt, sondern auch Wesen, die sich gegenseitig helfen“. So kann Kedi nicht nur für Katzenliebhaber zu einem wohligen Streicheln für die Seele werden, das ab und an jedem gut tut. Überhaupt ist es genau diese ästhetisierte Sicht auf die Beziehung zwischen Katze und Mensch, die etwas einfängt, das ja Teil der Realität ist, aber im Für und Wider der chaotischen Wirklichkeit leicht untergehen kann, ein übergreifender Zusammenhang zwischen dem Menschen und seinen Mitgeschöpfen, der Kedi ein phantastisches Moment verleiht, man möchte sagen: ein magisches (das sich aber ganz im Realen abspielt).

Kedi 2

Laut dem WDR-Interview haben im Vorwege des Drehs drei „Researcher“ über sechs Wochen hinweg 35 geeignete Katzen ausfindig gemacht, von denen 19 gefilmt wurden und es schließlich sieben in den Film geschafft haben. Die Katzen zu filmen, sei sehr leicht gewesen, da sie an den Menschen und die Unruhe der Stadt gewöhnt seien. Man habe Acht darauf gegeben, ob es den Katzen überhaupt zusagt, gefilmt zu werden. Manche wären vor der Kamera, die ihnen wie ein großes Auge erschienen sei, weggelaufen. Andere hätten es wie ein Filmstar geliebt. „Wenn die Katze dann wegläuft und nicht gefilmt werden will, heißt das: Sie hat uns nicht die Genehmigung für die Aufnahmen gegeben“, erklärt Wuppermann in dem Interview.

Kedi: Von Katzen und Menschen ist eine wunderschön fotografierte Dokumentation über das Zusammenleben von Katze und Mensch in Istanbul, die sich nicht darin erschöpft, die Katzen in ihrer Anmut abzufilmen. Auch die Menschen kommen mit ihren Erfahrungen, Erlebnissen und Einsichten zu Wort. Für Katzenliebhaber ist der Film ein Muss, für Istanbul-Interessierte ein spannender Blick auf einen kulturellen Aspekt der Stadt und für alle anderen, die sich für das Verhältnis Mensch – Stadt – Natur begeistern, ein bezaubernder Ausflug.

Trailer zu Kedi: Von Katzen und Menschen

Infokasten

„Kedi: Von Katzen und Menschen“ (OT: Kedi)

Regie: Ceyda Torun

Laufzeit: 79 Minuten

Produzent: Termite Films

Verleih: Weltkino Filmverleih

Türkei | USA | 2017

Letzte Änderung amFreitag, 10 November 2017 15:23
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Phantasie bzw. Fantasie (griech.: [...] phantasía – ‚Erscheinung’, ‚Vorstellung’, ‚Traumgesicht’, ‚Gespenst’) bezeichnet eine kreative Fähigkeit des Menschen. Oft ist der Begriff mit dem Bereich des Bildhaften verknüpft (Erinnerungsbilder, Vorstellungsbilder), kann aber auch auf sprachliche und logische Leistungen (Ideen) bezogen werden. Im engeren Sinn als Vorstellungskraft bzw. Imagination ist mit Phantasie vor allem die Fähigkeit gemeint, innere Bilder und damit eine ‚Innenwelt’ zu erzeugen.“

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