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Film

„Vidar the Vampire“ – Tragikomödie über eine vampirgewordene Jungfrau

Filmszene (Ausschnitt) Filmszene (Ausschnitt)

Vidar the Vampire erzählt die etwas verspätete Coming-of-Age-Geschichte eines Mitdreißigers, der endlich das Leben umarmen will – und den Tod findet. Als Vampir.

Kurzrezension

Vid 1Vidar the Vampire ist eine urkomische Tragikomödie über den 33-jährigen Bauern Vidar (Thomas Aske Berg), der keinen Erfolg bei den Frauen und noch nie etwas Anderes als den Bauernhof seiner Mutter gesehen hat. So sehr wünscht er sich, von Frauen beachtet zu werden, dass er schließlich zu Jesus betet und ihn um Hilfe bittet – und der Messias erscheint. Oder zumindest ein Vampir, der sich als Jesus ausgibt (Brigt Skrettingland). Vidar jedenfalls wird in die Nacht geholt und als Blutsauger zum wandelnden Affront in dem strenggläubigen Outback Norwegens. Aber die Unbeholfenheit scheint mit Vidars Vampirwerdung noch nicht überwunden zu sein.

Tragisch und komisch zugleich, derart wird der leichtgläubige, ein wenig einfältige Bauer Vidar zu einer gelungenen Hauptfigur für eine Tragikomödie, die einen sehr einsamen Mitdreißiger porträtiert, dem das Leben nicht einmal mit den Kräften eines Vampirs leichtfällt. Seinen unglaublichen Witz bezieht Vidar the Vampire zudem aus der Parodie einerseits des Vampirmythos und anderseits extremer Gläubigkeit. Schon die hochprovokative Überblendung der christlichen Heilsfigur mit dem Vampirmythos kündigt die Persiflage an. Spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Vampir auch mit Sexualität und Erotik konnotiert. Diese motivische Verknüpfung greift die Tragikomödie gekonnt auf und schickt mit Vidar eine vampirgewordene Jungfrau ins Rennen, was den Nächtlichen als Verführer konterkariert. Der Film arbeitet zudem viel mit melancholischen, durch die Überzeichnung aber auch witzigen Liedern, die Vidars Lebenssituation kommentieren beziehungsweise seine Innenwelt darstellen. Das ist ein absolut gelungenes Verfahren, das dieser Tragikomödie sehr gut steht.

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Wie die Macher im Q&A auf dem Fantasy Filmfest verrieten, mussten sie den Film komplett im Nebenher anfertigen, weil sie keine Geldgeber für den ungewöhnlichen Stoff auftreiben konnten. Noch suchen sie einen Verleih, der ihnen diesen verrückten Film abnimmt. Man kann nur hoffen, dass dies gelingt, denn bestimmt findet sich für diesen großartigen Film mindestens ein Nischenpublikum. Auch in Deutschland.

Vidar the Vampire ist eine gelungene, sehr amüsante Tragikomödie, die sich sehr genau mit ihrem Stoff auseinandergesetzt hat und das volle Humorpotenzial daraus hervorholt. Teils satirisch wird hier unter anderem extreme Gläubigkeit aufs Korn genommen.

Trailer zu Vidar the Vampire

Infokasten

„Vidar the Vampire“ (OT: Vampyr Vidar)

Regie: Thomas Aske Berg, Fredrik Waldeland

Drehbuch: Thomas Aske Berg, Fredrik Waldeland

Laufzeit: 83 Minuten

Produzent: Thomas Aske Berg

Verleih: noch ausstehend

Norwegen | 2017

Letzte Änderung amDienstag, 26 September 2017 19:54
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Ich habe den ganzen Kosmos mit meinem Schädel zerkaut! Ich habe gedacht, bis mir der Speichel floß. Ich war logisch bis zum Koterbrechen. Und als sich der Nebel verzogen hatte, was war dann alles? Worte und das Gehirn.“

Gottfried Benn