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Film

„Schneeflöckchen“ ist meta, meta, meta und mehr nicht

Filmplakat (Ausschnitt) Capelight Pictures Filmplakat (Ausschnitt)

Zwei Typen finden ein Drehbuch, das ihr Leben auf die Dialogzeile genau wiedergibt. Das Ende daraus wollen sie abwenden. – Gute Idee. Aber die allein taugt nicht.

Kurzrezension

Schnee 1Javid und Tan (Reza Brojerdi, Erkan Acar) suchen den Verantwortlichen für den Tod ihrer Familie und wollen ihn zur Rechenschaft ziehen, während die Waise Eliana (Xenia Assenza) diverse Killer auf sie ansetzt, weil wiederum sie die Mörder ihrer Eltern tot sehen will: Javid und Tan eben. Der eigentliche Clou des Films ist allerdings, dass Javid und Tan unterwegs ein Drehbuch finden, das exakt ihr Leben beschreibt. Um das katastrophale Ende, das darin geschildert wird, abzuwenden, machen die Zwei den Drehbuchautor ausfindig und wollen ihn zwingen, einen anderen Ausgang für ihre Geschichte zu schreiben. Nur wie soll das gelingen, wenn auch der Versuch, die Geschichte zu ändern, bereits Teil der Geschichte ist?

Kameraarbeit, Einfärbung der Bilder sowie solide Schauspielerei stechen deutlich hervor, aber die Handlung von Schneeflöckchen ist mehr als misslungen. Sorry, aber Metafiktion allein macht noch keine gute Geschichte, das meint: die Fiktion, die sich selbst thematisiert und derart auf ihren Status als Fiktion aufmerksam macht. Im Gegenteil: Bei Schneeflöckchen kaschiert sie lediglich eine gänzlich zusammengewürfelte Erzählung mit Figuren, deren Motivationen kaum oder nur sehr ungeschickt im Nebenher geschildert werden. Ganz klar, die Metafiktion ist in der breiten Masse angelangt und wird zelebriert, so auch in diesem Film, der eine Idee unendlich lang auswalzt. Allerdings dient das Selbstreferenzielle hier allein der Unterhaltung, verflacht also die ursprüngliche postmoderne (bzw. romantische) Intention, das Werk als solches im Prozess der Rezeption sichtbar zu machen, indem die Illusion durch die Selbstthematisierung spielerisch gebrochen wird.

Schnee 3Statt einer sinnvollen Handlung präsentiert Schneeflöckchen Dialoge über Belanglosigkeiten und kopiert nicht nur in dieser Hinsicht Tarantinos Pulp Fiction. Im Wesentlichen löst der Film seine Konflikte, indem er die eher eindimensionalen, wenig interessanten Figuren umnieten lässt. Besonders erschreckend ist das Finale, in dem von einem weißen Gott zwei Türken erschossen werden, die zuvor einen Fanatiker getötet haben, der ein zweiter Hitler werden wollte. Entschuldigung, aber was ging in Arend Remmers‘ Kopf vor, als er dieses Drehbuch verfasst hat?

Schneeflöckchen ist in keiner Hinsicht ein Märchen. Und die Gebrüder Grimm waren nicht abgefuckt. Das Kinoplakat suggeriert allerdings, dass der Film genau dies wäre: „das abgefuckteste Märchen seit den Gebrüdern Grimm“. Unsinn. Schneeflöckchen ist ein unausgegorener Brei, ein Durcheinander, das irgendwie von Rache handelt – vermutlich ist das der Witz: dass der Film selbst thematisiert, wie schlecht sein Drehbuch ist, und damit kein Understatement betreibt, sondern schlicht recht hat. Von Understatement kann denn auch keine Rede sein, wenn zum Schluss die finale Fassung des Drehbuchs als perfekt gefeiert wird. Davon ist es Lichtjahre entfernt.

Infokasten

„Schneeflöckchen“ (AT: Snow Flake)

Regie: Adolfo J. Kolmerer, William James

Drehbuch: Arend Remmers

Laufzeit: 120 Minuten

Produzent: Erkan Acar, Adrian Topol, Reza Brojerdi, Eric Sonennburg

Verleih: Capelight Pictures

Deutschland 2017

Letzte Änderung amSamstag, 16 September 2017 01:40
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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