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Film

„One & Two“ von Andrew Droz Palermo

Filmszene (Ausschnitt) Filmszene (Ausschnitt)

Angesiedelt zwischen Realismus und Fantastik erzählt One & Two ein poetisches Familiendrama über ein Geschwisterpaar, das sich einem autoritären Vater entziehen will.

Kurzrezension

Dass Evas und Zacs Eltern zurückgezogen leben, ist schiere Untertreibung, bedenkt man, dass sie fernab der Zivilisation auf einem Bauernhof wohnen, außerdem im tiefsten Wald, der von einer gewaltigen Palisade gegen die Außenwelt abgeschirmt wird. Der Alltag auf dem Land wäre daher gewiss eintönig für Eva und Zac (Kiernan Shipka, Timothée Chalamet), gäbe es nicht eine ungewöhnliche Fähigkeit, die sie verbindet. Das ungleiche Geschwisterpaar kann sich an jeden Ort teleportieren, der sich in Sichtweite befindet, und zwar in Windeseile. Vielleicht gibt es deshalb jene seltsamen Holzwände im Wald, die kein Mensch ohne Hilfe überwinden kann. Der Vater von Eva und Zac (Grant Bowler) macht keinen Hehl aus seiner Angst vor dem Talent seiner beiden Sprösslinge, die er, grade weil er sie für besondere Menschen hält, auch besonders streng erzieht. Doch Eva fühlt zunehmend eingesperrt und so stiehlt sie sich des Nachts selbst dann noch fort, als ihr Vater die heimlichen Ausflüge unter Androhung von Strafe verbietet. Mit jedem Tag, an dem sich außerdem der gesundheitliche Zustand der Mutter (Elizabeth Reaser) verschlimmert, wird die familiäre Lage angespannter. Nicht ohne Grund fürchtet der Vater, dass zwischen den Krampfanfällen seiner Frau und den ungewöhnlichen Kräften seiner Kinder ein Zusammenhang besteht.

Ähnlich wie H. von Rania Attieh und Daniel Garcia setzt auch One & Two stark auf ästhetisierte Bilder und lange Einstellungen, die mit viel Emotionalität die knappe Filmhandlung dehnen und so dem interessierten Zuschauer erlauben, sich in der Schönheit der Inszenierung zu vertiefen. Für Freunde einer schnellen und effizienten Dramaturgie wird One & Two daher ein wenig langatmig und lose erzählt erscheinen. Ebenso gemeinsam ist H. und One & Two die wirklichkeitsnahe Schilderung zwischenmenschlicher Probleme unter Einbindung paranormaler Elemente, die diesem realistischen Ansatz entgegenstehen und ihn entsprechend mit einem fantastischen Flair verfeinern. Diese Mischung aus Fantastik und Realismus entfaltet eine kraftvolle Dynamik, die den Zuschauer in die erzählte Welt des Films hineinsaugen kann, sofern sie gut gemacht ist. Ein Kriterium dafür scheint mir, wie in One & Two, die Wichtigkeit des Paranormalen für den Ablauf der Handlung und die Entwicklung der charakterlichen Beziehungen zu sein. Ohne die Fähigkeit der Geschwister zur Teleportation würde die Handlung nicht funktionieren. In ihr liegt nicht zuletzt eine starke Symbolkraft. Denn was könnte die Angst eines autoritären Vaters besser verkörpern als die Möglichkeit der Kinder, sich ohne Probleme über räumliche Grenzen und damit über seinen Willen hinwegzusetzen?

Trailer zu One & Two

Infokasten

„One & Two“

Regie: Andrew Droz Palermo

Drehbuch: Andrew Droz Palermo, Neima Shahdadi

Laufzeit: 90 Minuten

Produzent: Bow and Arrow Entertainment u.a.

Verleih: Protagonist Pictures

USA | 2015

Letzte Änderung amMittwoch, 06 September 2017 12:54
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Kurzes im Schreibatelier @anderwaerts, sonst auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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