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Film

Nach 20 Jahren endlich als Anime: der Kultmanga „BLAME!“

Filmplakat (Ausschnitt) Filmplakat (Ausschnitt)

BLAME! ist der Anime zu einem Cyberpunk-Kultmanga von Tsutomu Nihei, der von dem Überlebenskampf in einer sich selbstverwaltenden Maschinenstadt erzählt.

Rezension

Nachdem 2003 eine sechsteilige Miniwebserie namens BLAME Ver.0.11 erschienen ist, die den Kultmanga BLAME! von Tsutomu Nihei erstmals in animierter Form präsentierte, sollte ein Kinofilm dazu folgen – doch angeblich fehlte das Geld hierfür. 20 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes aus Niheis Debütwerk in Japan hat die Streaming-Plattform Netflix nun eine filmische Adaption finanziert, die für Neulinge und Fans gleichermaßen spannend ist.

Denn während die Webserie im höchsten Maße ästhetisierend ist und durch ihre Künstlichkeit verstörend wirkt, unter anderem weil sie auf einen impressionistisch-intensiven Farbstil setzt und narrativ eher fragmentarisch verfährt, ist die Gestaltung des neuen Animationsfilms durchweg realistisch. Das Düstere der lebensfeindlichen Maschinenstadt, die sich losgelöst von menschlicher Kontrolle selbst verwaltet und ins Unendliche des Weltraums ausdehnt, wird ganz auf die Ebene des Erzählten verschoben. Hingegen die Webserie mit ihrem eigenwilligen Stil baut das technologische Desaster der fiktiven Welt in ihre eigene Erzählweise ein. Beide Erzählverfahren haben etwas für sich: Während die Webserie schon durch die Darstellung Beklemmung und Irritation erzeugt, dafür aber eher abweisend wirkt, kann der neue BLAME!-Film einen leichten, sehr unterhaltsamen Zugang zu der komplexen Cyberpunk-Welt von Nihei schaffen.

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Blame5Die Kühle und Wortkargheit der Mangavorlage sowie ihre geradezu sehbare Stille wird in der Verfilmung durch eine Verschiebung der Erzählperspektive aufgefangen. Während die Vorlage meist dem Wanderer Killy auf seiner Suche nach Menschen mit Netzwerkgenen folgt und ihn derart durch die Einsamkeit endloser Gebäudekomplexe laufen lässt, pickt sich Drehbuchautor Sadayuki Murai für die Filmhandlung die Episode mit den Elektro-Fischern heraus und variiert sie gekonnt, sodass ein Anime dabei herausgekommen ist, der einerseits für jedermann schlüssig ist, andererseits aber auch für Fans des Originals sehenswert bleibt. Von Beginn an fokussiert die Geschichte das Leben der besagten Elektro-Fischer, die in einer Zukunftsstadt zu überleben versuchen, deren Megastrukturen von Riesenmaschinen nach Gutdünken umgebaut werden. Seit Jahrhunderten haben die Elektro-Fischer keine Menschen mehr gesehen, die nicht Einwohner ihres Dorfes sind. Sie nutzen Technologien, die sich nicht mehr verstehen, und ernähren sich von Bioschleim, den sie aus den Rohren der Stadt zapfen. Diese Nahrungsquelle allerdings geht langsam zur Neige.

Daher hat Zuru (Sora Amamiya) mit einigen Jugendlichen des Dorfes die Ausrüstung ihrer Eltern entwendet und sich auf den Weg ins verbotene Revier gemacht, um dort nach neuen Quellen für den nahrhaften Schleim zu suchen. Jenes Gebiet zu betreten, selbst angesichts der drohenden Hungerkatastrophe, ist nicht ohne Grund untersagt. Ein Wachturm der sogenannten Schutzwehr ist dort installiert, der, sobald er Menschen ohne Netzwerkgene registriert, einen Abwehrmechanismus der Stadt in Gang setzt. Der Turm generiert sodann aus der vorhandenen Materie eine Flut aus Vertilger genannte Kreaturen, synthetische Monsterhorden, die nur einen Zweck verfolgen: die von dem Computersystem der Stadt als Eindringlinge klassifizierte Menschen zu eliminieren. Die Tragik dieser Technologie: Seit einer Virusepidemie scheint es in der gesamten Stadtstruktur keine Menschen mehr zugeben, die über Netzwerkgene verfügen. Und so stuft die Schutzwehr auch Zuru und ihre Freunde als Feinde des Systems ein und macht Jagd auf sie, eine Gefahr, die bald auch das Dorf der Elektro-Fischer bedrohen wird. Wie der Zufall es will, passiert ein Mann namens Killy (Takahiro Sakurai) die Szenerie und schreitet mit einer immensen Feuerkraft ein, um den Elektro-Fischern in der Not zur Seite zu springen. Killy, der scheinbar ein Mensch wie Zuru und die anderen ist, birgt ein Geheimnis, das auch im Zusammenhang mit seiner Reise durch die Megastadt und der ungewöhnlichen Feuerwaffe steht, die er bei sich trägt.

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Blame4Wo Niheis Mangas mit einer Vielfalt an befremdlicher Architektur überwältigen und derart das Visuelle über das sprachlich Vermittelte stellen, zielt der Film auf eine Identifikation zwischen Zuschauer und Elektro-Fischer ab. Denn die sind unserem Menschenbild mit ihrer bodenständigen, an den Notwendigkeiten des Überlebens orientierten Lebensweise noch am ähnlichsten, in einer Cyberwelt, in der sonst die Grenzen zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit längst verwischt sind. Derart emotionalisiert der Film das drastische Schicksal der Figuren, nicht zuletzt mit Hilfe von Musik, und nimmt so die Kühle aus der Erzählung, die die Mangas auszeichnet. Ähnlich wie diese ist die Verfilmung passagenweise sehr ruhig erzählt und gibt Einblicke in die Fremdartigkeit der futuristischen Welt, hier in das Leben der Elektro-Fischer, um dann plötzlich in Eruptionen von Gewalt zu münden, die gnadenlos durch das Figureninventar fegen. Die Action und Gewalt in BLAME! haben fraglos Sensationscharakter, sie sind aber zugleich Ausdruck der lebensfeindlichen Umwelt. Weder die Manga noch der Film sind bloße Cyberpunk-Kulissen für Actioneskapaden. Das Geschehen erschüttert in seiner Brutalität, zumal die Figuren, um die es geht, keine unbeschriebenen Blätter sind. Allerdings die Emotionalisierungsstrategien des Animes behindern diese Erschütterung ein wenig, weil sie dem Zuschauer die Anteilnahme am Schrecken vorgibt, statt den Schrecken einfach unkommentiert für sich stehen und wirken zu lassen.

Blame2Anders als der Manga, der die Leser unvermittelt ins Geschehen wirft und sie über lange Zeit allein lässt, nimmt die Verfilmung den Zuschauer bei der Hand und kontextualisiert das Gesehene. Der Metaplot von BLAME! – Killys Suche nach Menschen mit Netzwerkgenen – ergibt sich in den Mangas erst nach und nach. Der Film bündelt dies und, da er die zentralen Hauptfiguren und Gegenspieler sowie den Aufbau der Cyberwelt vorstellt, funktioniert er gut als Einstieg in Niheis Werk. Wer mit der Welt allerdings nicht vertraut ist, könnte BLAME! für allzu schematisch und bloße Action halten. Hinter dem, was der Film zeigt, verbergen sich noch zahlreiche Geschichten, Orte und Ideen, die einen angesichts der düsteren Erhabenheit von Niheis Science-Fiction-Welt erschaudern lassen. Da ist es erfreulich zu hören, dass Regisseur Hiroyuki Seshita auf dem französischen Festival d’Animation Annecy sagte, es werde ein Sequel zur Verfilmung von 2017 geben. Stoff jedenfalls ist genug da.

BLAME! ist die Verfilmung eines Kultmangas, der dem Zuschauer den Einstieg in eine abgefahrene, gänzlich entmenschlichte Cyberpunk-Welt leichter macht als das Original, da eine andere erzählerische Herangehensweise gewählt wurde. So stehen sowohl die filmische Adaption als auch die Mangareihe künstlerisch für sich, ohne einander gegenseitig überflüssig zu machen. Wer auch Tsutomu Niheis Werke lesen will, kann sich auf eine Hardcover-Ausgabe freuen, die im Oktober bei Cross Cult erscheinen wird (die sogenannte Master Edition).

Trailer zu BLAME! (Japanisch mit englischen Untertiteln)

Infokasten

„BLAME!“

Regie: Hiroyuki Seshita 

Autoren: Sadayuki Murai (Drehbuch), Tsutomu Nihei (Manga)

Laufzeit: 106 Minuten

Produzent: Netflix, Polygon Pictures, Kôdansha u.a.

Verleih: Netflix (digital), Universum Film (Blu-Ray / DVD)

Japan | 2017

Letzte Änderung amFreitag, 09 März 2018 15:11
André Vollmer

Schriftsteller, der Kritiken schreibt. Gründer von Mellowdramatix. Am Meer geboren.

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