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Erzählungen

„Phantasmagoriana“ von Uwe Durst

Website von Uwe-Durst (Ausschnitt) Uwe Durst Website von Uwe-Durst (Ausschnitt)

Phantasmagoriana bietet 12 phantastische Kurzgeschichten, die den Leser kalkuliert fordern. Neben unerwarteten Wendungen durch eine andauernde Merkwürdigkeit des Erzählten.

Der Erzählband Phantasmagoriana von Uwe Durst eröffnet dem Leser ein fantastisch-düsteres Panorama aus meist episodenhaften Geschichten, die auf zumindest zwei Ebenen verstören wollen. Auf der ersten Ebene – der Ebene der Handlung – verbindet die zwölf Erzählungen ein unwirkliches Moment, von dem oft nicht klar wird, ob es als übernatürlich, metaphorisch oder doch psychologisch zu verstehen ist. Ungeklärt bleibt etwa, ob im Gartenteich der Ich-Erzählerin aus Die Fliege wirklich der Nöck haust oder ob das fremde Wesen eher ein Produkt ihrer kindlichen Einbildungskraft ist. „Als ich ein kleines Mädchen war, glitzerte meine Phantasie“, erinnert sie sich.

In der Unschlüssigkeit und Unsicherheit, die durch die Mehrdeutigkeit der Lesarten gestiftet wird, verspricht das psychologische Verständnis ein wenig Halt, weil es sich gut zu den abgründigen Motiven der Erzählungen fügen will: Mord, Gewalt, Missbrauch, Untreue und Drogen mischen sich mit Wahnvorstellungen, Selbstbetrug, Eifersucht, Isolation und Freitod. Meist tragen sich die Geschehnisse in Familien zu, häufig beim Essen, wenn geplaudert wird. Die Protagonisten sind Söhne, Töchter, Väter oder Partner in einer Beziehung. Die Szenerie bilden daher entsprechend Wohnungen oder Einfamilienhäuser, manchmal auch Lokale. Die Fassaden des gewöhnlichen Alltags, die bald schon bröckeln, offenbaren mit jedem Riss ein wenig mehr, dass entweder der jeweilige Protagonist durch seine Familienangehörige Leid erfahren hat oder sie durch ihn. Das scheint nicht selten der Ursprung des Unwirklichen zu sein, will man es als Wahn infolge seelischer Verletzungen interpretieren. Denn in diesem Erzählband stellt sich anders als bei klassischen Vertretern der Fantastik weniger die Frage, ob der Protagonist sich etwa das Abnormale und Übernatürliche einbildet, sondern vielmehr, ob er nicht bloß das Normale, Unbedenkliche und Gewöhnliche imaginiert, um über eine viel schrecklichere Wahrheit hinwegzutäuschen.

„Ich verstand seine Angst. Auch ich wußte, was Verzweiflung war, und in meinen Träumen erblickte ich im Badspiegel Marie, deren Arme und Wangen mit Bißmalen übersät waren. Ich fragte, was ihr passiert sei, aber sie wollte es mir nicht sagen, sondern schüttelte nur ihren Kopf und hielt sich den Zeigefinger vor den Mund, wobei sie mit den Augen hinter sich deutete.“

(Aus Der Spiegel)

Die Erzählungen sind wegen der Palette an dunklen Themen nicht reißerisch. Im Gegenteil: Das Abgründige schleicht sich von hinten an den Leser heran, um ihn plötzlich, den Deckmantel bürgerlicher Ordnung abstreifend, zu überraschen. Teils sind die Spuren wiederum so dezent gestreut, dass sie dem Unachtsamen entgehen könnten oder nur zu erahnen ist, auf was sie verweisen. Dass ein Leser nur das von der erzählten Welt wissen kann, was ihm der Erzähler mitteilt, macht sich Durst zunutze, um das Abgründige erst zu kaschieren und die besagte Ordnung heraufzubeschwören, die er dann unvermittelt als trügerisch entlarvt. Manchmal gibt erst ein deplatziert wirkender Satz – deplatziert, weil er wie aus dem Sinnzusammenhang gerissen scheint –einen ersten Hinweis darauf, dass man dem Erzählten nicht einfach trauen darf. Die Plötzlichkeit, mit der das geschieht, stößt beim Lesen geradezu auf.

Das gilt auch für das Unwirkliche, das oft mit einem Satz herbeierzählt ist. Die kürzeste der Erzählungen, Fliedertee, liefert dieses Erzählprinzip in nuce: Else trinkt Tee mit ihrer Puppe Gabriele und plaudert vor sich hin, als könnte ihr das Stoffspielzeug zuhören. Die Situation lässt annehmen, dass Else ein verspieltes Mädchen ist, jedoch spricht sie sehr gestelzt mit Gabriele, als führte sie ein Gespräch mit einer gehobenen Dame des 19. Jahrhunderts. Sie erzählt von ihrem Ehemann, ihrem gemeinsamen Urlaub und ihrem Kind, während sie die Puppe dabei siezt. Auch wenn dies nur das Spiel eines Mädchens ist, evoziert es die bürgerliche Ordnung der wohlsituierten Ehe mit Reisewunsch und Kinderglück, von dem beim Kaffeekränzchen stolz berichtet wird. Das vorgebliche Idyll wird jäh gestört, als die Puppe plötzlich etwas flüstert: „Es passiert schon wieder!“ Und als Schritte auf dem Flur hörbar werden, wird Gabrieles Stimme eindringlicher: „Drehen Sie den Schlüssel um! Seien Sie nicht so dumm! Es wird gleich wieder passieren!“ Was genau Else widerfährt, die sich zusammenkrümmt und die „prallen Arme um ihren Leib“ schlingt, steht ebenso zwischen den Zeilen wie der Wirklichkeitsstatus ihrer Puppe. Zu diesen plötzlichen Ausbrüchen des Unwirklichen gesellen sich von einem Absatz auf den nächsten Zeitsprünge und unerwartete Erzählperspektiven, etwa die einer Marionette, die das Gespräch ihres ‚Vaters‘ – einem Puppenmacher und Priester – mit einer verheirateten Kundin beobachtet.

„Die Natur war totenstill geworden, sie hatte ihre vielen Münder geschlossen: kein Tier gab einen Laut von sich, und kein Wind strich über die Äcker. „Treten Sie ein“, lockte der Herr und betrachtete mich mit grausamen Augen.“

(Aus Vier Dicke Schrauben)

Neben unerwarteten Wendungen in der Erzählweise durchzieht viele der Geschichten zudem eine andauernde Merkwürdigkeit des Erzählten, die aus der Nichterfüllung ganz basaler Erwartungen an das Verhalten der Figuren oder an die Beschaffenheit der Örtlichkeit resultiert. Ein Hotel etwa, das einem Reisenden eine komfortable Zuflucht bieten soll, wird so in der Erzählung Das warme Zimmer auf befremdliche Weise zu einem unwirtlichen Gefängnis. Den Schlüssel zur Unterkunft hat nicht der Gast, sondern der Portier, der von außen abschließt. Derart nehmen die Erzählungen groteske Züge an und evozieren ein Rätsel, dem der Leser nachspüren muss, will er die Geschehnisse verstehen. Auf einer zweiten Ebene – der Ebene der erzählerischen Verfahren – wird also ebenfalls auf Verstörung abgezielt, indem der Lesevorgang erschwert oder gar gestört wird.

Phantasmagoriana sind Geschichten, die den Leser kalkuliert fordern. Ihnen haftet etwas Fremdes, nicht leicht zu Konsumierendes an und sie warten mit Schauerlichem auf, das sich selten offen zeigt und dadurch weder platt noch sensationell wirkt, sondern das nur indirekt erkennbar wird und dabei etwas Un(be)greifbares aufrechterhält. Ein Leser, der bereit ist, Energie in eine Lektüre zu investieren und Spaß an komplexen Erzählweisen hat, wird an dem Erzählband Gefallen finden.

Da manche der zwölf Erzählungen etwas beliebig wirken, weil sie eine seltsame Begebenheit schildern und dann ohne Aufklärung enden, will ich davor warnen, sie als beliebig abzutun. Schaut man sich den Erzählband in Gänze an, wird deutlich, dass diese Erzählweise programmatisch ist und damit intendiert. Oftmals gibt es genug offensichtliche Hinweise, die eine erste Interpretation ermöglichen und den Leser mit einer Ahnung zurücklassen, manchmal aber auch nicht. Die Kürze der Texte und die angenehme, sehr einfache Sprache laden ohnehin zu einem zweiten Durchgang ein, der meist ein besseres Verständnis mit sich bringt.

Es wundert wenig, dass Uwe Durst anspruchsvolle fantastische Texte liefert, zumal er sich selbst mit der Thematik wissenschaftlich auseinandergesetzt hat, unter anderem in Monographien wie Theorie der phantastischen Literatur und Das begrenzte Wunderbare. Zur Theorie wunderbarer Episoden in realistischen Erzähltexten und in Texten des „magischen Realismus“.

Der Erzählband Phantasmagoriana wurde bei Books on Demand veröffentlicht. Da bei neueren Veröffentlichungswegen wie Print on Demand nicht immer klar ist, welche Qualität der Kunde erhält, einerseits, was die Sprachrichtigkeit angeht, und andererseits, was die Qualität des Buches selbst anbelangt, muss hinzugefügt werden, dass in diesem Fall alles einwandfrei ist. Weder begegnen dem Leser unnötige Fehler, sei es Rechtschreibung oder Zeichensetzung, noch lässt der Einband oder die Druckqualität zu wünschen übrig.

Letzte Änderung amFreitag, 18 August 2017 18:32
André Vollmer

Kein Kritiker. Aber ein Schriftsteller, der ab und an Kritiken schreibt. Am Meer geboren.

1 Kommentar

  • mala
    mala Samstag, 19. Oktober 2013 18:16 Kommentar-Link

    Durst schafft es mit seinen Kurzgeschichten das Phantastische und auch das Grauen, welches er teilweise nur andeutet, im Kopf des Lesers weiter Gestalt annehmen zu lassen; auch wenn man die Geschichte eigentlich schon zu Ende gelesen hat.

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„Horror ist eine Gattung der Phantastik, in deren Fiktionen das Unmögliche in einer Welt möglich und real wird, die der unseren weitgehend gleicht, und wo Menschen, die uns ebenfalls gleichen, auf diese Anzeichen der Brüchigkeit ihrer Welt mit Grauen reagieren.“ – Hans. D. Baumann: Horror. Die Lust am Grauen. Weinheim 1989, S. 109.