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Gaming

„MachiaVillain“ – Schaurig schöne Horrorhäuser

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In MachiaVillain baut und verwaltet man ein Horrorhaus, lockt Opfer an und verfüttert sie an seine Dienerschaft. Für Horrorfans lohnt sich das umstrittene Spiel.

Rezension

Auf der Spieleplattform Steam scheiden sich Geister: Den einen gefällt MachiaVillian, den anderen nicht. Entsprechend sind die Reviews gemischt, was von Steam als „Ausgeglichen“ bezeichnet. Das mag an den Startschwierigkeiten liegen, die das Spiel hatte. Es folgten einige Patches. In unserem Test lief MachiaVillian einwandfrei. Keine Spur von den berichteten Abstürzen oder Bugs. Aber davon abgesehen, lohnt sich das umstrittene Spiel? Es ist nicht makellos, für Horrorfans aber und alle, denen die morbide Spielidee zusagt, dürfte es ein schauriges Vergnügen werden. Man muss das Spielkonzept mögen, dann trägt es einen über die Problemstellen hinweg. MachiaVillain ist eine schwarzhumorige Managementsimulation, in der man eine Horrorvilla erbaut, sie mit Fallen bespickt und dann eine Werbekampagne fährt, um Opfer erst dorthin zu locken und sie dann nach den Regeln des Horror-Genres zu ermorden.

Die Liga der Schurken

Die Story liefert eine Rahmung für das Spielgeschehen in MachiaVillain, im Vordergrund aber steht die Simulation. Ein Erzähler und einige Grafiken im Comic-Stil machen zu Beginn etwas holprig, aber doch stimmungsvoll deutlich, dass der Spieler in die Rolle eines ehemaligen Dieners schlüpft, der jetzt sein eigenes Anwesen errichten will und zu diesem Zweck Mitglied in der Liga der MachiaVillains wird. Diese Liga der Superschurken unterstützt den Noch-Möchtegern-Bösewicht mit Ressourcen, verlangt im Gegenzug aber Morde nach den Regeln der Kunst, also etwa, dass Opfer nur nachts getötet werden und die Jungfrau zuletzt sterben muss. Hiermit ist bereits ein Verhaltenskodex angedeutet, der mit einem Augenzwinkern auf die Stereotypen des Horrorgenres referiert und bei Befolgung durch die Liga mit der Substanz „Bösinium“ entlohnt wird. Der jetzt selbstständige Bösewicht muss den Mitgliedsvertrag im Übrigen sogar mit Blut unterzeichnen (nicht mit dem eigenen Blut, versteht sich).

Eine Villa des Schreckens bauen und bevölkern

machiavillain 4In einem ansprechenden Comicstil, der an Don’t Starve erinnert, nur ein wenig schlichter ist, geht der Spieler sodann zu Werke. Er startet irgendwo im Nirgendwo an einer Landstraße mit vier Dienern, die er aus einer Reihe typischer Horrormonster auswählen kann. Außerdem steht ein Haufen morbider Nahrungsmittel bereit, wie Blut, Gehirn, Knochen und Menschenfleisch. Zu Beginn ist die Auswahl an Monstern noch eingeschränkt, als da wären Zombies, Skelette, Mumien und Psychopathen. Mit den ominösen Stoff „Bösinium“ lassen sich später per Stellenausschreibung weitere Diener anheuern und neue Monsterklassen freischalten, darunter Werwölfe, Vampire, Dr. Frankenstein, dessen Monster, Clowns und Reifen – ja, Reifen! (Offenbar ist das ein direkter Verweis auf Quentin Dupieuxs ironischen Slasher Rubber, in dem ein Autoreifen Leute umbringt; mir fiele jetzt kein anderer Film mit einem Reifenmonster ein).

Der Spieler steuert im Wesentlichen ebendiese Diener und weist ihnen vielfältige Aufgaben zu, wie unter anderem Rohstoffe abtragen, Räume oder Möbelstücke bauen, sie reparieren, Rohstoffe und Ausrüstung einlagern, Überbleibsel der Opfer kochen oder gegen Monster kämpfen. So kann der Spieler nach und nach sein Horrorhaus aufbauen, indem er Wände errichtet, Fußböden verlegt und Einrichtungsgegenstände anfertigen lässt. Durch die Möbelstücke wird den Räumen ihre Funktion zugewiesen, von der sie immer nur eine haben können. Gebraucht werden Schlafzimmer für die Dienerschaft, Küchen für die Zubereitung der Opfer, Fabriken für die Herstellung hochwertiger Materialien, eine Schreibstube, um Werbekampagnen zu starten und Opfer anzulocken, Trainingshallen für die Verbesserung von Kampffertigkeiten, Lagerräume, damit Nahrung, Rohstoffe und hochwertige Materialien zur Hand sind, aber auch damit die zerstückelten Opfer nicht herumliegen. Da das Bauen und Sammeln so seine Zeit braucht, kann die Zeit in zwei Stufen beschleunigt werden. Eine Pausefunktion für die Planung von Aufgaben und Kämpfen gibt es auch.

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Nach einer ersten Aufbauphase geht es bald darum, das kleine Schreckensparadies am Stadtrand zu verwalten und gedeihen zu lassen. Der geneigte Hausherr sollte dabei die Loyalität seiner Dienerschaft im Auge behalten, sie gut ernähren, ihnen ausreichend Schlaf gewähren und ihnen das Gefühl geben, in Prestige und Bosheit zu leben. Dass die Räume genug Prestige und Bosheit ausstrahlen, übernehmen bestimmte stilvolle Möbelstücke wie Kerzenständer, Monsterpflanzen oder Blutfontänen. Es kann den Monstern nie böse genug sein. Sinkt ihre Loyalität allzu sehr, befolgen sie ihre Aufträge manchmal nicht, randalieren oder verschwinden auf nimmer Wiedersehen.

In Teufelsküche: Opfer anlocken und ihnen den Garaus machen

machiavillain 6Eine gesunde Ernährung lässt sich allein über die Zubereitung der Opfer herstellen, die nachts je nach Werbekampagne in unterschiedlicher Anzahl ins Haus kommen. Sie werden erst durch kleine Tricks voneinander getrennt, dann getötet und schließlich in der Küche verarbeitet. Anschließend muss noch jemand das Blut aufwischen. Denn Blut macht den Opfern Angst. Bei zu viel Angst ergreifen sie die Flucht und die Misstrauensanzeige steigt. Auch die beeinflusst, wie viele Opfer ins Haus kommen, vor allem aber gibt es Saures statt Süßes, wenn die naheliegende Stadt zu misstrauisch geworden ist und Monsterjäger schickt – die im Übrigen wie Monsterspinnen und andere Ungetüme auch zufällig auftauchen und die Villa heimsuchen.

Ein morbider Trost: Diener, Monsterspinnen und Jäger, also alles, was das Zeitliche gesegnet hat, lässt sich wunderbar in der Küche wiederverwerten. Opfer bringen aber auch Goldmünzen und Monsterjäger ihre Waffen mit, die man gern wiederverwendet. Goldmünzen sind, wenn nicht für edle Möbelstücke, dann spätestens bei fahrenden Händlern und Kadaverschmuggler nützlich, bei denen man, nun, das eine oder andere einkaufen kann – unter anderem Leichen, die wiederum wie Opfer zu Gehirn, Fleisch, Blut und Knochen verarbeitet werden können. Nicht jeder Diener hat übrigens denselben Geschmack. Zombies etwa haben ein Faible für Gehirn, Skelette hingegen für Knochen (als Ersatzbaukasten).

Opfer sollen sich nicht fürchten. Ihnen muss deshalb eine wohlige Atmosphäre vorgegaukelt werden, bis schließlich ihr letztes Stündlein schlägt. Für Opfer furchteinflößend sind Dunkelheit, Blut und Leichenteile, aber auch unfertige Räume und die Dienerschaft. Neben Lichtquellen sorgen Möbelstücke wie Fernseher oder Jacuzzis für Wohlbefinden bei den Opfern und lenken sie ab. Diese Ablenkung ist einer der Tricks, mit denen sich die Opfer voneinander trennen lassen. Drehtüren, Stachelfallen und die lauernde Dienerschaft sorgen für den Rest. Kleine Grüppchen aus Opfern lassen sich meist problemlos ausschalten. Aber wer sich an die Regeln der Liga halten will und „Bösinium“ sammeln möchte, muss die eine oder andere Vorkehrung treffen. Demnach müssen immer alle Opfer getötet werden, aber jedes einzeln und allein. Morde dürfen nur nachts begangen werden, niemals außerhalb des Hauses und schon gar nicht an den Hunden, die Opfer mitbringen. Ach ja, und wie gesagt: die Jungfrau stirbt zuletzt. Diesen Anforderungen gerecht zu werden und derart seinen eigenen Horrorfilm zu erzählen, kann schon sehr herausfordernd und planungsintensiv sein.

Die Herausforderungen des häuslichen Alltags

machiavillain 1Wer sein Horrorhaus voranbringen will, muss es verwalten können. Hat sich ein wenig Routine eingestellt, kommen nach und nach ganz bestimmte Herausforderungen auf die Spieler zu. Es gilt zum Beispiel jede Nacht abzuwägen, ob und wie viele Opfer man durch eine Werbekampagne anlockt. Denn einerseits müssen die Essensvorräte im Blick behalten werden, andererseits die Misstrauensanzeige. Jedes getötete Opfer hebt die Anzeige, egal wie „elegant“ sie um die Ecke gebracht wurden. Liebhaber guter Infrastrukturen werden bald die Wege der Dienerschaft effizienter machen wollen, Arbeitsbereiche neu- und umorganisieren, sodass Aufgaben schneller von der Hand gehen. Für Werbekampagnen braucht es beispielsweise Briefe, die wiederum aus Holz und Goldmünzen hergestellt werden, ergo sollten diese Rohstoffe dicht an der Schreibstube gelagert werden. Als nächstes sollte man versuchen, die Räume, die für die Opfer bestimmt sind, so auszugestalten, dass man die Regeln der Liga erfüllen und „Bösinium“ sammeln kann. Außerdem sind Monster und Jäger abzuwehren, Feuer zu löschen und Leichen für anfragende Forscher à la Re-Animator, dem Horrorfilmklassiker von Stuart Gordon, herbeizuschaffen. Derartige Zufallsereignisse erscheinen immer wieder einmal per Pop-up-Fenster und fordern eine Entscheidung von dem Spieler. Und last, but not least muss die Loyalität der Dienerschaft im Auge behalten und durch schickes Mobiliar gesichert werden. (Auch Monster haben offenbar Ansprüche.)

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Was ist gut, was schlecht?

MachiaVillain besteht zu einem Großteil aus derartigem Mikromanagement. Das kann Spaß machen, ist aber zunächst ein wenig unübersichtlich und erfordert trotz knapper Tutorials von dem Spieler, eine innere Hürde zu überwinden und sich einzudenken. Gelingt ihm das und ist er bereit, seine eigene Kreativität einzubringen, dann kann ihm das Spielgeschehen sehr schnell gefallen. Vor allem für das Bauen von Opferräumen gilt: Wer hier nicht eigene Kombinationen aus Fallen und Entertainment entwickelt, könnte das Opfermorden leicht langweilig finden. Erschwert wird das Gameplay durch eine teils unzeitgemäße Menüführung und Steuerung, die hin und wieder mehr Klicks erzeugt als eigentlich erforderlich sein sollten. Hat man aber erst begriffen, wie der Hase läuft, ist das zu verschmerzen.

Was am meisten Anstrengung kostet, ist allerdings er Eindruck, nur sehr langsam voranzukommen. Das mag daran liegen, dass die besseren Möbel unglaublich viele Ressourcen kosten. Die Rohstoffe sind schnell gesammelt, aber die hochwertigen Materialien, die daraus gebaut werden, brauchen viel Zeit. An jeder Werkbank, die hierfür verwendet wird, muss ein Diener stehen, der folglich an anderer Stelle fehlt, etwa um Rohstoffe abzutragen, Opferräume auszubauen oder sie auch nur für die nächste „Kundschaft“ zu säubern. Allein durch diese künstliche Langsamkeit des Spiels kommt es beizeiten zu dem Eindruck, es sei wiederholend. Dabei gäbe es allerlei auszuprobieren, gerade was die Opfer, ihre Vergnügungen und die versteckten Fallen anbelangt. Die Taktung des Spiels ist leider nicht optimal, man wird gewissermaßen ausgebremst.

Bringt man die Ausdauer dennoch auf, sich einzuarbeiten und durchzuhalten, kann MachiaVillain enormes Vergnügen bereiten. Der Ursprung des Schrecklichen ist hier der Spieler selbst. Das Spiel spricht „das Böse“ in ihm an, aber spielerisch nur und mit viel schwarzen Humor. MachiaVillain als eine Art derbe Horrorkomödie erlaubt mir, was ich für andere Inszenierungsformen des Schrecklichen ausschließe: den Gefallen am Schrecken, das gruselige Amüsement. Es bereitet mir eine dunkle Befriedigung, wenn die Diener die Opfer wegräumen, sie zerlegen und im Anschluss den Boden feudeln. Ich behaupte, dass es Horrorfans mit MachiaVillain genauso wie mir gehen wird, sofern sie außerdem Verwaltungssimulationen mögen und die beschriebenen Mängel hinwegsehen können.

Unerwähnt geblieben ist, dass jeder Diener aufleveln kann und je nach Monsterart verschiedene Kampftechniken lernt, dass sich überall kleine humorvolle Texte verstecken und dass es sogar einen kleinen Forschungsbaum gibt. MachiaVillain ist zudem reich an Anspielungen. Schon die Pausefunktion ist ein liebevolles Detail. Pausiert man das Spiel, sieht der Bildschirm aus, als hätte man bei einem VHS-Recorder auf Pause gedrückt – ein Verweis auf das Trägermedium alter Horrorfilmklassiker.

Fazit

Mit MachiaVillain ist eine schwarzhumorige Management-Simulation auf den Markt gekommen, in der man sein eigenes Horrorhaus samt eigener monströser Dienerschaft aufbauen und verwalten muss. Man darf hier kein zweites Rimworld erwarten. Dennoch kann es ein dunkles Vergnügen bereiten, die Monstervilla zu errichten, um dann Opfer anzulocken und sie hinterrücks abzumurksen. Die Taktung des Spiels sowie die Steuerung und Menüführung sind nicht einwandfrei. Dadurch wirkt der Spielfluss beizeiten schleppend. Insgesamt aber überwiegt die Freude an der morbiden Spielidee, dem Comicstil und dem angenehm bösen Witz, mit dem das Spielgeschehen präsentiert wird. Es wäre zu begrüßen, wenn sich dieses Spiel finanziell so sehr trägt, dass irgendwann einmal ein MachiaVillain 2 erschiene, welches die Fehler dieses Titels ausbügelt und seine Qualitäten weiterentwickelt. Horrorfans werden ihren Spaß an MachiaVillain haben.

 

Infokasten

„MachiaVillain“

Entwickler: Wild Factor

Publisher: Good Shepherd Entertainment

Plattformen: Windows PC (Steam)

Frankreich | 2018

Veröffentlichung: 16.05.2018 (digital auf Steam)

Bildrechte: Alle Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amDonnerstag, 21 Juni 2018 15:37
André Vollmer

Schriftsteller, der Kritiken schreibt; Gründer von Mellowdramatix, Studierter (Germanistik & Skandinavistik, M.A.); am Meer geboren; auf Twitter als er selbst (@avmllr) und in seinem Schreibatelier für kleinste Formen (@anderwaerts)

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„Jahre waren es, da lebte ich nur im Echo meiner Schreie, hungernd und auf den Klippen des Nichts. […] Bis mich die Seuche der Erkenntnis schlug: es geht nirgends etwas vor; es geschieht alles nur in meinem Gehirn. Nun gab es nichts mehr, das mich trug.“

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