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Serie

„Final Space“ – Mit Irrwitz durchs All

Szene (Ausschnitt) Szene (Ausschnitt)

Diese Serie ist eine ungewöhnliche Mischung aus Comedy und Tragik. Zum Totlachen, wenn man es absurd und albern mag, dabei zugleich spannend und actiongeladen.

Rezension

final space 3Der tölpelhafte Gary Goodspeed (Olan Rogers) hält sich für den Kapitän des Raumschiffes Galaxy 1, das irgendwo im Nirgendwo des Alls unterwegs ist und Reparaturaufträge ausführt. Zwar ist Gary die einzige Besatzung, das hält ihn aber nicht davon ab, den Kapitänsrang in endlosen Wortgefechten mit der künstlichen Intelligenz des Bordcomputers (Tom Kenny) zu verteidigen. HUE heißt der Computer und stellt Garys alleinige Gesellschaft dar, abgesehen von dem Roboter KVN (Fred Armisen), der zwar als „deep space insanity avoidance companion“ konzipiert wurde, tatsächlich aber das genaue Gegenteil ist, nämlich total durchgeknallt. Was Gary sich zudem nicht so recht eingestehen will, weil er an chronischer Selbstüberschätzung leidet: In Wahrheit ist er ein Gefangener von HUE und sitzt eine fünfjährige Haftstrafe ab, die er sich selbst durch ein aberwitziges Missgeschick eingebrockt hat. Ein Flirt mit der taffen und hochintelligenten Quinn Aragon (Tika Sumpter) führte zu der sagenhaften Zerstörung von 92 Sternenkreuzern und einem mexikanischen Restaurant. In die Trostlosigkeit von Garys Haft bricht alsbald der kleine, grüne und extrem niedliche Außerirdische Mooncake (Olan Rogers) ein, den Gary sofort ins Herz schließt. Dummerweise wird das Alien von den Söldnertruppen des finsteren Lord Commanders (David Tennant) verfolgt, der in dem Geschöpf den Schlüssel zu einer andersweltlichen Macht sieht. Es beginnt eine verrückte, oft absurde Abenteuerreise, in der – für Gary ganz überraschend – auch Quinn eine wichtige Rolle spielen wird.

final space 4Die Comedy-Animationsserie Final Space ist, was die anskizzierte Handlung anbelangt, nicht sehr originell. Die interstellare Abenteuerreise und Verfolgungsjagd ist lediglich das Gefäß, in das die Macher der Serie, Olan Rogers und David Sacks, eine selten so gesehene Tinktur aus Humor, Irrwitz und Dramatik gegossen haben. Kurzum: Nicht das banale Geschehen reizt an dieser Serie, sondern ihre Machart. Das Bemerkenswerte ist, wie nahe beieinander Komik und Tragik, Albernheit und Groteske, knuffiger Comic-Stil und blutige Splatter-Effekte liegen. Obwohl die Story überwiegend komisch ist, oft sogar albern, hat sie immer wieder sehr drastische Spannungsmomente, die zwar nicht des komischen Grundtons der Serie entbehren, aber doch plötzlich eher ins Ernste, manchmal sogar Tragische hinübergleiten. Zum Beispiel zeigt Final Space unerwartet ambivalente Figuren, die gut und böse zugleich sind, und scheut nicht davor zurück, Hauptfiguren in den Tod zu schicken. Während sich die Ambivalenz von Figuren gut mit Komik und Albernheiten vereinbaren lässt, steht diesen der Tod als einschneidendes Ereignis entgegen, zumindest in der Weise, wie diese Serie ihn inszeniert. Den Mix aus Tragik und Komik belegt auch die Rahmung der Serie, die zu Beginn jeder Folge aufgerufen wird und ankündigt, dass die Handlung in einer Katastrophe münden wird: Gary schwebt zwischen Trümmer- und Leichenteilen im All, derweil ihm der Sauerstoff ausgeht und er mit HUE seine Überlebenschancen absteckt.

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final space 2Der Protagonist von Final Space, Gary Goodspeed, ist eine extrem überzeichnete Figur, die eigentlich als unzurechnungsfähig gelten müsste, aber auf sonderbare Weise auch bewundernswert ist. Denn Gary gibt niemals auf, egal wie die Chancen stehen. Eher redet ihm sein Größenwahn ein, dass er die Gefahren aufgrund seiner ach-so-heldenhaften Eigenschaften schon meistern wird. Derart spitzen sich die Konflikte in fast jeder Folge drastisch zu, sodass im Grunde kein Ausweg mehr bleibt und den Protagonisten am Ende oft nur Zufall, Glück oder seine Freunde retten. Das wäre platt erzählt, würde die Serie diese Momente nicht auskosten und mit der (Un-)Wahrscheinlichkeit des Geschehens spielen, etwa indem HUE in der ersten Folge Garys Überlebenschancen ausrechnet und Gary sich trotz einer nullprozentigen Chance in das Wagnis stürzt. Hier treffen die kühle Rationalität einer Maschine auf die an Irrsinn grenzende Irrationalität eines Menschen. Immer wieder kämpft Gary mit der Wahrscheinlichkeit selbst, die ihm oft durch HUE mathematisch belegt wird. Dass eine derartige Ausgangslage sowohl komische als auch tragische Momente erzeugen kann, leuchtet ein. Die Lacher auf Garys Kosten entstehen aus dem von ihm verkörperten Widerspruch von Ideal und Realität. Gary will ein Held sein, aber ihm gelingt dies nur als extrovertierter Poser – als jemand, der so tut, als wäre er, und sogar daran glaubt, er wäre. Aber in Wirklichkeit bleibt er ein Tölpel, der durch die Gefahren bloß hindurch stolpert. Aber weil Gary auch sympathisch ist – ebenfalls auf eine sonderbare Weise – ist er vor dem reinen Verlachen des Publikums gerettet. Der Zuschauer kann mit Gary fühlen und sich womöglich sogar identifizieren, weil er einen Sinn für das Gute hat und stets nach mehr strebt, aber es ihm nie vergönnt sein soll.

Eine zweite Staffel mit 13 Folgen ist unlängst angekündigt und wird 2019 bei TBS starten. Dieser Sender zeichnete sich schon für die Erstausstrahlung von Staffel 1 im Februar 2018 verantwortlich, die nach eigenen Angaben 20 Millionen Zuschauer erreicht hat. Eine weitere Verwertung mit deutscher Synchronisation folgte daraufhin bei TNT Serie im Mai desselben Jahres. Im Dezember schließlich hat Netflix die Serie in sein Streaming-Angebot aufgenommen. Die deutsche Synchronisation ist allerdings nicht zu empfehlen. Zu sehr verlieren die Figuren ihre besondere Eigenheit, die maßgeblich durch die Sprecher hergestellt wird. Wie bei der Kultserie Rick & Morty spricht der Erfinder von Final Space, Olan Rogers, die Hauptfigur selbst und verkörpert mit seiner Stimme deren himmelschreienden Irrwitz.

Die Sci-Fi-Serie Final Space ist rasante Unterhaltung für die Lachmuskeln, actiongespickt, verrückt, bisweilen splattrig und mit widererwarten viel Spannung und Tragik, insgesamt daher eine ungewöhnliche Mischung.

 

Trailer zu Final Space (zur Erstausstrahlung auf TBS)

 

Infokasten

„Final Space“, Staffel 1

Schöpfer: Olan Rogers, David Sacks

Laufzeit: 22 Minuten / 1 Staffel à 10 Folgen

Produzent: Conaco, Jam Filled Entertainment, ShadowMachine, Studio T

Verleih: Netflix, TBS

USA | 2018

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Letzte Änderung amMittwoch, 13 Februar 2019 14:15
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Kurzes im Schreibatelier @anderwaerts, sonst auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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Because we don't know when we will die, we get to think of life as an inexhaustible well. Yet everything happens only a certain number of times, and a very small number really. How many more times will you remember a certain afternoon of your childhood, some afternoon that is so deeply a part of your being that you can't even conceive of your life without it? Perhaps four or five times more, perhaps not even that. How many more times will you watch the full moon rise? Perhaps twenty. And yet it all seems limitless.

– Paul Bowles, Autor von The Sheltering Sky