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Film

„Get Shorty“, die Kurzfilmauswahl auf dem Fantasy Filmfest 2017

Festivalplakat (neu arrangiert) Rosebud Entertainment Festivalplakat (neu arrangiert)

Neben Langfilmen aus aller Welt laufen auf dem Fantasy Film jedes Jahr auch Kurzfilme, unter denen ein Publikumspreis verliehen wird.

Sammelrezension / Bericht (Spoiler)

Dieses Jahr bestand das zirka zweistündige Kurzfilmprogramm des Fantasy Filmfestes aus 9 Kurzfilmen mit einer Länge zwischen 4 und 18 Minuten: Amen, Fucking Bunnies, Greener Grass, Mouse, Ruah, Spooked, Stacey and the Alien, Tickle Monster und We Together.

Amen erzählt von einer vorbildlichen, strenggläubigen Familie. Ihr ganzer Stolz: der Sohn Adam, der von Gott selbst auserwählt worden ist. In einer Fernsehshow heilt er Gebrechen und singt ein frommes Lied, das von der Ankunft Gottes berichtet. Neben der Inszenierung dieser überzeichneten Familie lebt der Film von der finalen Wendung, die dem Vorangegangenem eine neue Deutung zuweist und es pervertiert.

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Fucking Bunnies ist skurril. Immerhin ist in Rainos Haus ein neuer Nachbar eingezogen, aber nicht irgendwer, sondern ein Satanist, der aus Lust foltert, sich von Karotten ernährt und Orgien mit seinen zwölf Frauen feiert. Vor Raino allerdings sind alle gleich – oberflächlich zumindest. Innerlich hegt er einen Groll, vielleicht aus Neid. Seine Frau jedenfalls fordert ihn zu mehr Toleranz auf. Derart wird der Film absurd-witzig, was beim Berliner Publikum gut ankam, leider aber etwas wiederholend und langgedehnt umgesetzt wurde. Der Film führt ganz bewusst den Toleranzgedanken durch Übertreibung ad absurdum und treibt seine Späße mit dieser tagesaktuellen Problematik.

Greener Grass ist noch skurriler als schon Fucking Bunnies, denn hier sind selbst die Verhaltensweisen und Eigenschaften der Figuren ins Absurde verdreht, sodass ein surrealer, befremdlicher Effekt entsteht: Babies werden wie Accessoires getauscht, Ehemänner verwechselt, Kinder plötzlich zu Hunden oder Frauen schwanger, indem sie sich einen Fußball unter das Kleid schieben. Zudem sind die Figuren alle ein wenig einfältig und teils selbst für Sekunden von der Absurdität ihres Lebens irritiert. Der Film entzieht sich ganz klar einer leichten Deutung. Gewiss ist aber, dass Greener Grass das Absurde und Fremdartige feiert. Das kann ein durchaus phantastisches Vergnügen sein.

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Mouse ist ein kurzweiliger, halb lustiger, halb ekliger Kurzfilm über zwei Drogenjunkies und deren – man muss es so sagen – beschränkte Weltsicht. Die Logik dieser zwei Figuren ist illusorisch bis paranoid, also ganz klar durch den Drogenkonsum geprägt. Obwohl zunächst witzig anzuschauen, entwickelt der Film auch eine unterschwellige Beklemmung. Konkret geht es darum, wie die Protagonisten die Tatsach, dass in einer Dose eingelegter Bohnen eine Maus liegt, finanziell ausschlachten können – etwa gegen den Hersteller klagen? Die Argumente und Logik der Figuren sind aberwitzig.

In Ruah geht etwas Mysteriöses vor sich. Der Film ist, wie die meisten anderen Kurzfilme auch, sehr schön fotografiert. Er erzählt von verschiedenen Figuren in Handlungen, die sich alle in unmittelbarer Nähe in den Schweizer Alpen zutragen, aber einander niemals begegnen – und doch hängen sie irgendwie miteinander zusammen. Ein kurzer Mystery-Thriller.

Spooked ist humorig und actionreich. In einem typischen US-amerikanischen Vorstadthäuschen in der Straße „Elm Street“ (!) taucht nachts ein Teufel auf, der theatralisch verkündet, dass er ein dunkler Fürst sei, außerdem Darken heiße und man doch bitte vor ihm niederknie. So richtig zum Ausleben seiner Boshaftigkeit kommt der dunkle Fürst allerdings nicht, denn die Stereotypen des Horrorgenres, die dieses Haus bewohnen, heizen ihm gehörig ein, unter anderen der „Athlet“ und die „Scream Queen“. Eine Kettensäge kommt auch vor. Spooked ist komödiantischer Spaß mit der Verkehrung der Rollen, wie man sie aus dem Horrorgenre kennt: Hier wird das Monster zum Gejagten!

Absurd hatten wir ja schon – aber Stacey and the Alien setzt dem ganzen noch einmal die Krone auf, bindet das Absurde aber anders als Greener Grass wieder in die Realität zurück und schildert derart die verquere psychische Situation eines jungen Mädchens. Teils ist die Ästhetik im Stile eines Musikvideos, die Lieder aber erhalten im Kontext des Gezeigten eine neue, meist auch humorige Bedeutung. Seltsam, aber spannend und sehr, sehr abgefahren.

7

Das Tickle Monster wird real – in Tickle Monster: Denn hier taucht aus dem Nichts ein Geschöpf auf, das den Protagonisten durchkitzelt. Insgesamt schön aufgelöst und erzählt. Dies ist der kürzeste und kurzweiligste Kurzfilm des Wettbewerbs, der auf YouTube sicherlich schnell seine Klickzahlen einfahren würde.

We together ist ein Zombie-Tanzfilm – eine unerwartet interessante Mischung. Als ein Radio durch Zufall eingeschaltet wird und zwei Zombies die Musik hören, beginnen sie sich an ihrer früheres Leben zu erinnern und fangen doch glatt zu tanzen an. Der Film erschöpft sich ganz und gar in dieser Situation: tanzende Zombies, im Hintergrund flüchtende Überlebende, die im Begriff sind, von weiteren Untoten zerfleischr zu werden. Witzige Idee und schön umgesetzt!

Auf dem Berliner Fantasy Filmfest 2017 stimmten die Zuschauer im Rahmen des Wettbewerbs für die Kurzfilme Spooked (Platz 1), Fucking Bunnies (Platz 2) und Ruah (Platz 3). Für die finalen Ergebnisse müssen noch die Stimmen aus den übrigen Festivalstädten abgewartet werden. In Berlin lagen Spooked und Fucking Bunnies wohl sehr nahe beieinander, wie die Veranstalter verrieten.

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Letzte Änderung amDienstag, 26 September 2017 19:46
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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