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Film

„Sicilian Ghost Story “ – Eine unbeugsame Liebe rebelliert

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Ein schön fotografierter, ruhig erzählter Film über eine rebellische Liebe, die sich gegen den Verlust wehrt, selbst wenn alle ihn stillschweigend akzeptieren.

Sillicon 1Luna (Julia Jedlikowska) ist eine Tagträumerin. Sie sieht Dinge, von denen die Erwachsenen sagen, sie bilde sie sich bloß ein. Meist träumt sie von Guiseppe (Gaetano Fernandez), einem 13-jährigen Jungen, der in dieselbe Schulklasse geht wie sie. Eines Tages nimmt er sie zu einem Reiterhof mit. Die Zwei kommen sich näher. Aber dann, am helllichten Tage, verschwindet Guiseppe spurlos. Gegen diesen Verlust setzt sich Luna dickköpfig zur Wehr. Sie will Guiseppe nicht aufgeben, auch wenn ihr niemand zu hören will, geschweige denn daran glaubt, dass der Junge wiederauftauchen wird.

Sicilian Ghost Story ist ein kraftvoller Film, obwohl in so ruhigen, ästhetischen Bildern erzählt. Diese Kraft schöpft er aus seiner sturen und rebellischen Protagonistin, die ihre Liebe, die noch so jung und naiv ist, nicht hergeben will. Das Mädchen mit dem burschikosen Haarschnitt und dem ernsten Blick tritt forsch auf und setzt sich für Guiseppe ein, verteilt Flugblätter mit der Frage „Guiseppe ist verschwunden und was tut ihr?“, klingelt Sturm daheim bei dem Onkel des Jungen, steht im Schulunterricht auf und fragt die Lehrerin provokativ, was mit Guiseppe sei. Er fehle doch bereits 17 Tage. Mit ihrer Aufmüpfigkeit und entschlossenen Art ist Luna eine starke Figur, in der man sich leicht spiegeln kann. Ihre äußerst strenge Mutter (Sabine Timoteo) allerdings hat es nie gern gesehen, dass ihre Tochter mit dem Jungen verkehrt. Warum, das wird nur implizit deutlich, bis der Film passagenweise Guiseppe fokussiert und sein tragisches Schicksal schildert. Aber da die Geschichte in einem sizilischen Dorf spielt, ahnt man zumindest eines sehr schnell: Die Angst vor der Mafia ist groß.

Vielleicht ist es die italienische Mentalität, welche die kurze, etwas ruppige, aber dann doch poetische Liebesgeschichte so kraftvoll macht – bis dann Luna und Guiseppe schon früh in der Handlung getrennt werden. Die Dialoge sind erfrischend anders, die zwei necken sich mehr, als dass sie turteln, aber finden doch irgendwie zueinander. Ein schöner Auftakt für eine Geschichte, die ähnlich wie Super Dark Times wirklichkeitsnahen Horror inszeniert, anders als dieser aber eine wahre Begebenheit zum Vorbild hat. Lunas Liebesbrief an Guiseppe schließlich ist eines Dichters würdig. Darin wird das ganze Ausmaß ihrer Liebe fassbar, die für sie geradezu existenziell ist – rhetorisch und inhaltlich so strukturiert, dass der Brief einen ergreifen muss. Von Kitsch keine Spur.

Sillicon 3Das Poetische des Films, das sich durchweg in der Bildgestaltung niederschlägt, kommt schließlich in den phantastischen Sequenzen voll zur Geltung. Es scheint, als träume sich Luna zu Guiseppe und Guiseppe sich zu ihr. In ihren Träumen dann begegnen sich die beiden wieder; zumindest wäre das eine Lesart. Denn es ist ungewiss, wieviel davon tatsächlich nur Lunas Träumerei ist und wieviel eine übernatürliche Wiedervereinigung in einer Art Traumsphäre. Gewiss ist aber eins: Luna entdeckt in ihren Träumen Hinweise auf Guiseppes Verbleib und spürt ihnen nach. Derart vermischen sich in Sicilian Ghost Story die Ebenen des Realen und des Traumes, woraus ein phantastisch-poetischer Erzählstil entsteht, der die Thematik und den damit verbundenen Schrecken ästhetisiert; ein gelungener Ansatz, der dem Film noch mehr Kraft verleiht als ohnehin und die Handlung vorantreibt. Denn dank Lunas Träumen besteht noch Hoffnung, dass Guiseppe wiederauftaucht, und zugleich wird ein uralter, aber nach wie vor wirksamer phantastischer Konflikt aufgeworfen: Ist es wahr, was Luna in ihren Tagträumen sieht, oder ist das nur ihre überspannte Einbildungskraft? Zudem sind es gerade diese phantastischen Elemente in Verbindung mit dem Poetischen, die den dargestellten Schrecken, der wie gesagt auf einem wahren Grauen beruht, in der Kunst zum Guten wenden können, freilich ohne das Grauenhafte zu beschönigen. Das Grauen wird eingefangen und in Kunst gebunden, darin gezeigt – und zwar in voller Härte – und doch wieder in etwas Schönes gewandelt, das trotz allem aufatmen lässt.

Sillicon 2

Aber das ist längst nicht alles, worum es in Sicilian Ghost Story geht. Ein starker Fokus liegt auch auf der Beziehung Lunas zu ihren Eltern, der strengen Mutter einerseits und dem liebenswürdigen Vater (Vincenzo Amato) andererseits, der sich seiner Ehefrau in Erziehungsfragen unterordnet. Auch die Freundschaft zu Lunas Mitschülerin Loredana (Corinne Musallari) ist ein wichtiger Faktor, denn gemeinsam versuchen die beiden Mädchen Guiseppe aufzuspüren und geraten dabei an neue Grenzen. Es stellt sich die Frage, wer Luna letztlich glauben wird, dass sie in ihren Träumen etwas gesehen hat, das wirklich ist, etwas, das zu dem verschwundenen Jungen führen könnte, den sie so sehr liebt, dass sie für ihn sterben könnte.

Sicilian Ghost Story ist das Centerpiece des Fantasy Filmfestes 2017 und erzählt wie viele Filme auf dem Festival eine Geschichte über das Erwachsenwerden, darunter Super Dark Times, IT und Tragedy Girls. Der Film ist spannend und in allen Belangen ein ästhetischer Genuss, den man sich nicht entgehen lassen sollte, insbesondere weil trotz aller Ästhetisierung der Schrecken weder kaschiert noch moralisch eingeordnet wird. Eine wunderschöne Geschichte über Verlust, Liebe und jugendlichem Rebellentum.

Trailer zu Sicilian Ghost Story

Infokasten

„Sicilian Ghost Story “

Regie: Fabio Grassadonia, Antonio Piazza

Drehbuch: Fabio Grassadonia, Antonio Piazza, Marco Mancassola

Laufzeit: 122 Minuten

Produzent: Carlotta Calori, Francesca Cima, Massimo Cristaldi

Italien | Frankreich | Schweiz | 2017

Letzte Änderung amFreitag, 29 September 2017 14:59
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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Dann, wenn es tagt, entweichen sie, jedes nach seiner Seite: Hexen, Kobolde, Visionen, phantastische Bilder. Nur gut, daß sich dieses Volk nur nachts und im Dunkel zeigt. Niemand konnte herausfinden, wo es sich tagsüber einschließt und verbirgt.

– Francisco de Goya über eine phantastische Radierung aus seiner Bilderreihe Los Caprichos.

(Dazu passt das 43. Blatt der Caprichos).