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Film

„Kuso“ – Bizarrer Ekelalbtraum voller Exkremente, Schleim und Zysten

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Schwer zu sagen, was diese Anthologie eigentlich ist. Ein Albtraum? Höllendarstellung? Psychodelischer Trip? Die Handlung jedenfalls ist bizarr und ekelerregend.

Kurzrezension

Kuso 1So viel ist klar: Erzählt werden fünf Geschichten, zwischen denen permanent hin und her gezappt wird. Gezappt deshalb, weil immer wieder das Medium selbst thematisiert wird, etwa indem Bildrauschen zwischen die Wechsel von einer zu nächsten Geschichte geschnitten ist. Auch psychodelische Sequenzen in verschiedensten Animationsstilen treten regelmäßig auf und verbinden die fünf Geschichten. Überhaupt ist Kuso eine Mischung aus Real- und Animationsfilm, auch innerhalb der einzelnen Erzählpassagen, die vor Horrorsäften nur so überlaufen, mehr noch als in Night of the Virgin, der ebenfalls auf dem Fantasy Filmfest 2017 gezeigt wird. Da ist für jeden etwas dabei: Exkremente, Sperma, Urin, Schleim. Auf einer Ekelskala ist dieser Film ganz weit oben.

Worum es eigentlich geht, ist kaum zusammenzufassen. Aber abgesehen von dem allgegenwärtigen Ekel ist da noch die Absurdität der Handlung und das Thema der Sexualität, oftmals in einer extremen oder gar pervertierten Form: Würgespiele sind da noch harmlos, angedeutete Vergewaltigung bereits schrecklich und der Oralverkehr mit einer sprechenden Eiterbeule völlig bizarr. Im Grunde muss man diesen Film in seiner grotesken Gestaltung einfach auf sich wirken lassen. Die Figuren sind durchweg mit Ekzemen und Geschwülsten überwuchert, da gibt es gerupfte Hähnchen mit Schweinsgesichtern, mannshohe Kothaufen mit anusgleichen Öffnungen, aus denen Köpfe wachsen. Köpfe erheben sich auch aus Toiletten und es tritt ein Mann auf, der Angst vor Brüsten hat und hofft, sich kurieren zu können, indem er den Schleim eines Riesenkäfers trinkt, der wiederum einem anderen Mann aus dem Rektum gekrochen kommt.

Kuso 2Kuso verstößt gegen jegliche Form der Pietät und pervertiert in seiner Obszönität gängige Schönheitsideale und Moralvorstellungen. Diese Anthologie zeigt in all ihrer Scheußlichkeit seltsam korrumpierte Menschen in albtraumhaften, teils ausweglosen Situationen. Das entbehrt nicht der Komik. Angesichts dieser Bizarrerie ist das Lachen nicht weit entfernt und sicherlich oftmals intendiert. Will man diesem künstlerischen, anti-narrativen Chaos interpretativ zu Leibe rücken, liegt die Annahme nahe, dass es sich hier wirklich um einen Albtraum, eine Höllendarstellung oder schlicht einen psychedelischen Trip handelt. Jedenfalls die Ästhetik des Films scheint sich an diesen drei Referenzen irgendwie entlang zu bewegen.

Kuso ist durchweg ekelerregend, absurd, grotesk – und daher ein schreckliches, in seiner Ästhetik herausforderndes, pietätloses Vergnügen, das auf verquere Weise sowohl medien- als auch gesellschaftskritisch gelesen werden kann.

Trailer zu Kuso

Infokasten

„Kuso“

Regie: Flying Lotus

Drehbuch: David Firth, Flying Lotus

Laufzeit: 105 Minuten

Produzent: Eddie Alcazar

Verleih: Shudder

USA | 2017

Letzte Änderung amSonntag, 17 September 2017 11:59
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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Helmut Schmidt im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo (2012) im Zeit Magazin Nr. 17 vom 19.04.2012, S. 57