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„Dracula Untold“: Mieser Kitsch mit großem Namen und nichts dahinter

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Dracula Untold will die Geschichte des berühmten Vampirs neu erzählen und dabei noch Unerzähltes einflechten. Das weckt Neugier. Aber bleibt ein Marketing-Witz.

Rezension

dracula-untold-2Beworben als der Film, der die Entstehung des weltweit bekanntesten Vampirs neu erzählen will, liefert Dracula Untold weder die zu erwartende epische Geschichte noch einen monströsen Protagonisten, der seinem Namensgeber gerecht würde, einer Figur immerhin, die seit Jahrzehnen durch die Film-, Pop- und Horrorgeschichte flattert, von den expressionistischen Anfängen in Nosferatu basierend auf Bram Stokers Gothic Novel Dracula bis hin zu eigenwilligen Interpretationen wie in dem Tischrollenspiel Vampire: The Requiem oder dem japanischen Anime Hellsing. Wer kennt nicht den Sohn des Drachen namens Dracula und sein historisches Vorbild Vlad Tepes den Pfähler? Hätte und bräuchte dieser Nachtmahr einen Anwalt, er würde ihn Gary Shore für sein Machwerk auf den Hals hetzen. Dracula Untold hat nichts Gutes, weder wird der Film der historischen Geschichte des Herrschers über die Walachei gerecht noch bietet er inspirierte oder auch nur ertragbare Fantasy-Unterhaltung. Nicht einmal Liebhaber von stumpfen Schlachtszenen kommen auf ihre Kosten.

Zu viele lieblos aneinandergereihte Szenen, Denkfehler der Drehbuchautoren und unnachvollziehbare Zeitabläufe ruinieren die Handlung und mit ihr die Stimmung. Über die Plotholes wird mit computergenerierter Effekthascherei hinweggekittet, als könnte das Story und Hauptfigur ersetzen. Übergossen wird dieses dramaturgische Schlachtfeld, von dem man sich fragt, warum es nicht bereits als Drehbuch verworfen wurde, mit Melodramatik und Kitsch: der liebende Vater (Luke Evans), der sich für seine Familie in einen fürchterlichen Fluch stürzt und derart zum berüchtigten Dracula wird. Ein nachvollziehbares Motiv ist das durchaus, nur quält einen der Film geradezu damit und lässt es zu schnulziger Gefühlsduselei verkommen, der man sich nicht mal hingeben könnte, wenn man es wollte. Vlad Tepes‘ Familienleben gleicht dem eines modernen Spießbürgers, damit auch der letzte Zuschauer sich mit ihm identifizieren kann, obwohl ja im Prolog getönt wird, was für ein Monster dieser Mann sei. Davon merkt man rein gar nichts, nicht mal dass man hier einen Woiwoden, den Herrscher der Walachei, vor sich hat. Das passt hinten und vorne nicht, ebenso wenig die charakterliche Entwicklung zum Vampir und – jetzt endlich? – zum Monster. Leider auch hier nur Vampirkitsch, billigste Entsagungshaltung des Protagonisten gegenüber seiner Blutlust.

dracula-untold-1Ich hatte ja nicht viel erwartet, eine seichte Handlung, viel Action, ein wenig Splatter vielleicht, nichts besonders Kunstvolles also, nur nicht, dass Dracula Untold schlicht so langweilig und uninspiriert sein würde, dass man sich besser mit dem Trailer begnügt, der das Beste des Films auf 2 Minuten 30 zusammenstreicht. Zu mehr taugt das Drehbuch nicht. Das ersehnte Monster ist der Film selbst, den man nicht sehen will und kann.

Wer an einer Verarbeitung des historisches Stoffes interessiert ist, dem empfehle ich stattdessen Floortje Zwigtmans Jugendroman Wolfsrudel oder den Fernsehfilm Dark Prince: The True Story of Dracula von 2000. Beide Werke nehmen die Historie zum Vorbild, um daraus etwas Neues zu kreieren. Während der Roman Wolfsrudel sehr kunstvoll auf mehreren Zeitebenen erzählt ist, bietet der Film Dark Prince schlicht eine Interpretation der historischen Figur Vlad Tepes, die zwar stark auf dessen angebliche Brutalität abstellt, dafür aber glaubhaft ist. Wer dagegen einen Dracula in einem modernen Setting erleben möchte, sollte sich unbedingt die jüngste NBC-Serie Dracula mit Jonathan Rhys Meyers (The Tudors) in der Hauptrolle ansehen, die am 20. Oktober auf Vox startet.

 

Trailer zu Dracula Untold

Letzte Änderung amFreitag, 21 Juni 2019 22:36
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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„Ein Rezensent, siehst du, das ist der Mann, / Der alles weiß, siehst du, und gar nichts kann!“

– Ernst von Wildenbruch in seinem Trauerspiel Christoph Marlow (1884)