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„The Midnight After“ von Fruit Chan

Filmplakat (Ausschnitt) Filmplakat (Ausschnitt)

The Midnight After inszeniert eine mythisch-skurrile Endzeit in einem menschenleeren Hongkong. Im Fokus eine Gruppe Isolierter, die dem Unerklärlichen gegenüberstehen.  

Kurzrezension

Bis auf eine Gruppe Fahrgäste in einem roten Minibus sind alle Menschen verschwunden, die Straßen leer, die Häuser verlassen. Eben noch rollte das Gefährt mitsamt der bunten Truppe aus siebzehn Insassen durch den überfüllten Mongkok-Stadtteil. Jetzt im ländlichen Tai Po scheint Hongkong wie ausgestorben. Das Radio ist tot. Der Mobilfunk zwar nicht, nur hebt niemand mehr ab. Sicherheitshalber tauschen die Passagiere ihre Nummern aus und ziehen dann ihrer Wege, bis die Situation noch bizarrer wird, Menschen aus unerklärlichen Gründen in Flammen aufgehen oder noch grässlichere Tode sterben. Kurzerhand beschließt die Gruppe, in einem Restaurant erneut zusammenzukommen. Nach und nach tauchen unter anderem der rundliche Busfahrer mit Schnauzbart, ein Sunnyboy, der von seiner Freundin getrennt wurde, eine Frau mit hellseherischen Kräften, ein Ehepaar und zwei punkige Jugendliche auf, um ihre aussichtslose Lage zu besprechen. Als sie plötzlich entdecken, dass sie von einem Fremden im Atemschutzanzug beobachtet werden.

The Midnight After ist die Verfilmung eines Online-Romans und von einer anmutigen Schrägheit, wie man sie eher aus Japan erwartet hätte. Der Regisseur Fruit Chan scheut keine Brüche in der Inszenierung, verlässt unerwartet den darstellenden Blick auf das Geschehen und springt in einen Musikvideostil, um den Titelsong des Films, David Bowies Space Oddity, in Szene zu setzen. Bowies Song spiegelt ein zentrales Motiv des Films wider: die Isolation. Bis zum Schluss bleibt undurchsichtig, was genau mit den Passagieren geschieht, dennoch: Hier und da wird die blutige, vor allem von Dialogen getragene Odyssee mit Deutungsansätzen gesprenkelt, die alles noch verrückter machen. Mythische Ereignisse suchen die Gruppe heim: Telefonanrufe aus der Zukunft, Nachrichten aus dem All, blutroter Regen. Angesichts der unveränderten Isolation steht bald die Gruppendynamik der Überlebenden im Fokus der Erzählung, deren grotesker Höhepunkt die gemeinschaftliche Hinrichtung eines Vergewaltigers wird, seltsam surreal, wie man eine derartige Szene noch nicht gesehen hat. Durch die Vielzahl an Figuren verwendet der Film partiell eine episodenhafte Narration, mittels derer erzählt wird, was die jeweils anderen in der Nacht erlebten, bevor sie in dem Restaurant wieder zusammenfinden. Das gibt dem Film Raum für die Figurenzeichnung und sorgt für Abwechslung. Derart vermengt The Midnight After Science Fiction mit Mystery und Comedy in einer Art Endzeit-Szenario, das zwischen Traum und Realität changiert.

Trailer zu The Midnight After

Infokasten

„The Midnight After“ (OT: Na yeh ling san, ngo joa seung liu Wong Gok hoi wong dai bou dik hung Van)

Regie: Fruit Chan            

Drehbuch: Fai-Hung Chan, Fruit Chan, Ho-Yan Kong

Laufzeit: 124 Minuten

Produzent: Film Development Fund of Hong Kong, Golden Scene, Sun Entertainment Culture

Verleih: Golden Scene für Hong Kong; kein Verleih in Deutschland

Hongkong | 2014

Letzte Änderung amMittwoch, 06 September 2017 12:54
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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