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Wes Cravens wichtigstes Werk: „A Nightmare on Elm Street“

Foto aus dem Studio Kino mellowdramatix Foto aus dem Studio Kino

Vortrag am 30. Oktober 2021 im Zuge der Filmreihe Mondo Grindhouse im Studio Kino, Kiel. Gehalten von Medienwissenschaftler und Horrorforscher Dr. Thomas Heuer.

Vortragsmanuskript

Zu Beginn möchte ich Sie alle ganz herzlich begrüßen und freue mich, dass nach etwas mehr als einem Jahr endlich wieder ein Film im Mondo Grindhouse gezeigt wird. Für alle, die zuvor noch nie eine Veranstaltung dieser Reihe besucht haben: Es folgt eine kurze Einleitung zu dem Film, die einen oder mehrere Aspekte des heutigen Werkes fokussiert. Anschließend gibt es eine kurze Verlosung, bevor dann NIGHTMARE ON ELM STREET gezeigt wird.

Heute zeigen wir im Mondo Grindhouse einen Klassiker des Slasher-Films. Slasher sind Werke, bei denen ein meist männlicher Angreifer einen bestimmten Personenkreis nach und nach tötet. Der Killer ist oftmals von einem Trauma oder Trieb motiviert, was dazu führt, dass er zu dem geworden ist, was er ist, ein psychopathischer, gefühlloser Killer (vgl. Clover 1996). Überleben tut für gewöhnlich eine meist weibliche Person aus dem Kreis jener Personen, die der Killer attackiert, das sogenannte „Final Girl“ (vgl. Clover 1996). In etwa so galt das für alle Filme der ersten Slasher-Welle von 1978 bis 1983 (vgl. Hutchings 2004). Als die Popularität des Slashers am Abklingen war, brachte New Line Cinema A NIGHTMARE ON ELM STREET in die Kinos. Der Autorenfilm aus der Feder von Wes Craven transformierte die Figur des Antagonisten im Slasher. Mit Fred „Freddy“ Kruger (Robert Englund) war der Antagonist in einem Slasher erstmals eine Figur, die von den Toten zurückgekehrt ist. Als ein paranormales Wesen sucht Freddy seine Opfer in den Träumen heim und schlachtet diese auf brutale Weise ab. Dabei unterscheidet sich Freddy noch in einer anderen Art von ikonischen Slasher-Killern wie Michael Myers (HALLOWEEN) oder Jason Vorhees (FRIDAY THE 13TH). Wo die anderen Killer kommentarlos oder wortkarg das Töten inszenieren, hat Freddy für seine Opfer immer noch den einen oder anderen Spruch und bösen Witz auf den Lippen. Zudem ist er sich komplett bewusst darüber, dass er unsterblich ist und trennt sich bereits früh im Film einige Finger ab, um seinem Opfer zu verdeutlichen, dass es ihm nichts anhaben kann. Freddy kann nur dann seine Opfer angreifen, wenn diese schlafen. Er beherrscht das Reich der Albträume und die Opfer betreten dieses, sobald sie schlafen. Das bedeutet, Freddy greift dort an, wo Menschen am wehrlosesten sind.

Der Einfluss von A NIGHTMARE ON ELM STREET auf die Horrorfilmlandschaft war groß. Wes Craven war zuvor bereits in Kennerkreisen mit seinem radikalen Debütfilm THE LAST HOUSE ON THE LEFT im Jahr 1972 aufgefallen, der mit seiner „Vergewaltigung und Rache“-Thematik einen Beitrag zum extremen Horrorfilm darstellt. Fünf Jahre später machte Craven mit dem Hinterwäldler-Kannibalenhorror THE HILLS HAVE EYES einen weiteren starken Genrefilm, der offensichtlich eine gesellschaftskritische Botschaft für das Publikum enthielt. Bis 1984 war Wes Craven vornehmlich in den USA bekannt und dies auch nur in einem eingeschränkten Publikumskreis. Für A NIGHTMARE ON ELM STREET erhielt Wes Craven ein großes Budget und eine internationale Kinoauswertung. In der Folge wurde A NIGHTMARE ON ELM STREET Cravens erster, international erfolgreicher Film. Antagonist Freddy Kruger wurde vom Publikum äußerst positiv aufgenommen und erlangte in kürzester Zeit Kultstatus und verschaffte dem Darsteller Robert Englund einen Platz in der ewigen Horror-Hall-of-Fame.

Aus A NIGHTMARE ON ELM STREET gingen insgesamt sieben Fortsetzungen hervor sowie eine von dem beliebten Antagonisten moderierte Show FREDDY’S NIGHTMARES, die von 1988 bis 1990 ausgestrahlt wurde und insgesamt 44 Episoden umfasst. Zusätzlich erhielt der Film 2010 ein Remake, das von den Fans des Klassikers nicht sehr positiv aufgenommen wurde. Es war allerdings eine Zeiterscheinung der ersten Dekade der Zweitausender-Jahre, statt etwas Neues zu entwickeln, alte Stoffe erneut zu adaptieren. Wes Cravens frühe Klassiker wurden in diesem Zeitraum alle neuverfilmt. Den Anfang machte 2006 THE HILLS HAVE EYES unter der Regie des französischen Regisseurs Alexandre Aja. 2009 wurde dann THE LAST HOUSE ON THE LEFT erneut gedreht und 2010 wurde dann die sinnbildliche „heilige Kuh“ geschlachtet und ein Remake von A NIGHTMARE ON ELM STREET veröffentlicht. Ohne die Beteiligung von Wes Craven und Robert Englund war ein Misserfolg absehbar. Dennoch spielte der Film bereits am Eröffnungswochenende in den USA und Kanada fast die kompletten Kosten ein. Weltweit erwirtschaftete das Remake rund 80 Millionen US-Dollar Gewinn an den Kinokassen. Das ist mehr als das zwanzigfache, dass der Originalfilm an Budget zur Verfügung hatte.

Kritiker haben 1984 A NIGHTMARE ON ELM STREET positiv aufgenommen, in der Filmwissenschaft wurde dem Werk eine ähnliche Frauenfeindlichkeit vorgeworfen, wie es andere Slasher besitzen (vgl. Dika 1987, Clover 1996, Freeland 2000). Achtet man bei der Sichtung auf einige Details, dann wird erkennbar, dass die beiden weiblichen Figuren auf Freddy’s Tötungsliste Tina (Amanda Wyss) und Nancy (Heather Langenkamp) nicht schwach oder stereotyp sind. Tina besitzt ein selbstbestimmtes Sexleben und bestimmt, was ihr Freund Rod (Nick Corri) tun darf und was nicht. Nancy ist selbstbewusst und die intelligenteste Figur in der Geschichte. Die jüngeren Figuren in der Geschichte sind alle mit dem Problem konfrontiert, dass der Mörder sie in ihren Träumen heimsucht, und in der Folge kann es sich aus der Sicht der Eltern um keine reale Bedrohung handeln. Craven konfrontiert hier die handlungsführenden Figuren mit einer phantastischen Traumwelt, in der Freddy die Kontrolle besitzt und mit seinen Opfern spielen kann. Da ich den Hintergrund der Figur Freddy an dieser Stelle nicht preisgeben möchte, für alle im Publikum, die den Film noch nicht kennen, möchte ich lediglich sagen, dass Freddys Motivation in einem realweltlichen Zusammenhang steht.

Insgesamt ist A NIGHTMARE ON ELM STREET der wohl bekannteste und wichtigste Horrorfilm von Wes Craven, sieht man eventuell von SCREAM ab. Das Slasher-Subgenre des Horrorfilms wurde in diesem Film erstmals mit einem übernatürlichen Wesen als Killer inszeniert und Robert Englund spielt als Freddy Kruger den ersten Antagonisten in einem Slasher, der sich einen Spaß daraus macht, seine Opfer durch eine Welt zu treiben, in der er die Regeln vorgibt. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit und wünsche nun gute Unterhaltung und Happy Halloween.

Quellen

Filmografie
Carpenter, John (1978): Halloween - Die Nacht des Grauens. Originaltitel: Halloween. Compass International Pictures & Falcon Internation Productions. USA. DVD 16 Jahre (Kino), 18 Jahre (Extended), 1h 31min (Kino) 1h 41min (Extended).
Craven, Wes (1974): The Last House on the Left. Originaltitel: The Last House on the Left. Sean S. Cunningham Films, The Night Co., Lobster Enrerprises. USA;, 84 Minuten (uncut).
Craven, Wes (1977): Hügel der blutigen Augen. Originaltitel: The Hills Have Eyes. Mit Susan Lanier, Robert Houston und Martin Speer. Vanguard Blood Relations Co. USA. DVD, 90 Minuten.
Craven, Wes (1984): Nightmare - Mörderische Träume. Originaltitel: A Nightmare on Elm Street. New Line Cinema, Media Home Entertainment, Smart Egg Pictures, The Elm Street Venture. USA. DVD, 91 Minuten.
Craven, Wes; Freilich, Jeff (1988 bis 1990): Freddy's Nightmares. TV-Serie mit 2 Staffeln á 22 Episoden. Warner Bros. Television, 09.10.1988 (erste Episode) bis 11.03.1990 (letzte Episode).
Cunningham, Sean S. (1980): Freitag, der 13. Originaltitel: Friday the 13th. Mit Betsy Palmer, Adrienne King und Jeannie Taylor. Paramont Pictures und Warner Bros. USA. DVD, 95 Minuten.
Literatur
Clover, Carol J. (1996): Men, women, and chain saws. Gender in the modern horror film. Nachdruck. London: BFI Pub.
Dika, Vera (1987): The Stalker Film, 1978-81. In: Gregory Albert Waller (Hg.): American horrors. Essays on the modern American horror film. Urbana: Univ. of Illinois Press, S. 86–101.
Freeland, Cynthia A. (2000): The naked and the undead. Evil and the appeal of horror. Boulder, Colo.: Westview Press (Thinking through cinema).
Hutchings, Peter (2004): The horror film. Harlow, England, New York: Pearson Longman (Inside film).
Waller, Gregory Albert (Hg.) (1987): American horrors. Essays on the modern American horror film. Urbana: Univ. of Illinois Press.
Letzte Änderung amSonntag, 31 Oktober 2021 16:36
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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