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Serie

„Arctic Circle“: Pandemie, Isolation, Zukunftsangst

Filmstill (Ausschnitt) edel: motion, Glücksstern PR Filmstill (Ausschnitt)

Die finnisch-deutsche Co-Produktion Arctic Circle ist erstaunlich aktuell, denn in dieser Serie wird ein Virus freigesetzt, das den Fortbestand der menschlichen Spezies gefährdet.

Rezension

AC 7Wer hier jetzt an Covid-19 beziehungsweise das Corona-Virus denkt, irrt. Denn das hat der Serie nicht als Vorlage gedient. Produziert wurde der Thriller im Serienformat bereits 2018, also bevor es das derzeit allgegenwärtige Virus gab. Die Parallelen sind jedoch erschreckend und ein Grund dafür, dass Arctic Circle derzeit einen schweren Stand haben dürfte. In einer abgelegenen Kleinstadt in Lappland bricht ein Virus aus, das zuvor lediglich einmalig in einer isolierten Siedlung im Jemen aufgetreten ist. Das sogenannte Jemen-Virus reist als Parasit mit dem Herpesvirus. Der Virologe Dr. Thomas Lorenz (Maximilian Brückner) hat den ersten Ausbruch des Jemen-Virus untersucht. Er kennt die Gefahren, die von einer Verbreitung des Virus ausgehen. In seiner Position als einer der führenden Virologen der ECDC, des europäischen Gesundheits- und Virenforschungszentrums, wird er damit beauftragt, die finnischen Ermittler bei der Untersuchung des Virus zu unterstützen.

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AC 2Doch das Virus ist zunächst nebensächlich, zumindest für die finnischen Ermittler. Denn das Virus wurde im Blut einer russischen Prostituierten nachgewiesen, die sich illegal in Lappland aufgehalten hat. Außerdem sind noch zwei weitere tote Prostituierte gefunden worden, die ebenfalls infiziert sind. Die Krankheit ist sexuell übertragbar, was die Vermutung zulässt, dass in der Region eine Vielzahl von potenziellen Infizierten existiert. Eine davon ist Marita Kautsalo (Phila Vlitala), die an einer Hotelbar angestellt ist und keine Gelegenheit für Sex auslässt.

AC 6Deren Schwester Nina Kautsalo (Iina Kuustonen) ist eine Polizistin in der Kleinstadt, in der die infizierten Prostituierten gefunden wurden. Sie kennt jeden in der Stadt, was ihre Ermittlungen manchmal erleichtert, oftmals aber erschwert. Die gesamte Ermittlung unterliegt höchster Geheimhaltungsstufe und auch Nina Kautsalo erfährt nur weniges über die Tragweite. Ihre primäre Aufgabe besteht darin Dr. Lorenz durch Lappland zu fahren und ihn bei seiner Forschung zu unterstützen.

Die Serie stellt Nina Kautsalo in den Fokus der Erzählung, ihre Lebenssituation, das Verhältnis zu ihrer Tochter, ihrer Mutter und ihrer Schwester, ebenso wie ihre Haltung zur Polizeitätigkeit. Damit steht eine vielschichtige Figur im Zentrum. Durch diese Form der Inszenierung ergeben sich organisch weitere Dimensionen von Konflikten und die Geschichte entwickelt sich aus sich heraus weiter. Mit Ausnahme einer dramaturgischen Lücke zum Ende der Serie, ergibt sich alles logisch und verquickt sich zu etwas Größerem, das der Erzählwelt eine überraschende Lebendigkeit und Komplexität verleiht. Am Ende der Serie wirken selbst Nebenfiguren so, als ob dahinter wesentlich mehr steht als nur die Funktion der Figur innerhalb der Seriendramaturgie.

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AC 3Grade durch das gewählte Ende der Serie erscheint alles für eine zweite Staffel vorbereitet zu sein. Die Frage ist allerdings, wie sich derzeit eine Serie finanzieren soll, die sich wirklichkeitsnah und ernsthaft, dabei durchaus tragisch und düster, mit einer Viruspandemie befasst, welche das Ende der menschlichen Spezies darstellen könnte? Die Veröffentlichung im Februar 2020 erschien dem ZDF vermutlich ursprünglich als eine großartige Idee. In der aktuellen Situation ist es aber wohl eine Serie, der sich kaum jemand freiwillig aussetzen wollen wird. Trotz aller Qualität könnte Arctic Cricle ein Opfer von Corona werden.

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Großartige Schauspieler, eine transnationale Produktion, die verschiedenste kulturelle Einflüsse beachtet, und eine glaubwürdige und stimmungsvolle Inszenierung machen Arctic Circle zu einem Geheimtipp. Wer in einem Crime-Thriller fließende Übergänge zu anderen Genres toleriert und auch bei der grundlegenden Horrorstimmung keine Berührungsängste vor einer vielschichtigen, düsteren und intensiven Serie hat, der sollte hier unbedingt einen Blick wagen. Neben den aufgezählten Elementen ist es auch die großartigen Bildgestaltung, die Arctic Circle besonders sehenswert macht.

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Trailer zu Arctic Circle

Infokasten

„Arctic Circle – Der unsichtbare Tod“ (OT: „Arctic Circle“)

1 Staffel, 10 Episoden á 50 Minuten

Serienerfinder: Olli Haikka, Petja Peltomaa, Joona Tena

Regie: Hannu Salonen

Drehbuch: Joona Tena, Jón Atil Jónasson, Petja Peltomaa

Produktion: Yellow Film & TV, Bavaria Fiction, elisa viihde, et. al.

Verleih: edel:motion

Finnland, Deutschland | 2018-2019

Erstveröffentlichung: 20. Februar 2020 im ZDF

Veröffentlichung: Ab dem 20.03.2020 im Handel auf DVD und als Video-on-Demand erhältlich.

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Letzte Änderung amFreitag, 26 Juni 2020 10:16
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Das Wort Kunst bezeichnet [...] im engeren Sinne Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber seit der Moderne auch der Prozess selber sein.“

– Wikipedia

 

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