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Film

„Little Joe“ – Der Duft des Glücks, jetzt als Produkt

Die Pflanze Little Joe (Filmszene, Ausschnitt) Die Pflanze Little Joe (Filmszene, Ausschnitt)

Eine neue Pflanzenzüchtung soll glücklich machen, allein durch den Duft. Doch was genau stellt die Blume in den Köpfen der Menschen an? Ein Arthouse-Thriller.

Rezension (enthält Spoiler)

LJ 4Ihr Ziel war es, eine Pflanze zu züchten, deren Duft die Menschen glücklich macht. Doch mit der Züchtung namens Little Joe ist dem Forscherteam um Alice (Emily Beecham) und Chris (Ben Whishaw) womöglich weit mehr gelungen: Die Pollen der purpurnen Blume dringen über die Atemwege in das Gehirn ein und verändern das Verhalten des Infizierten. Das zumindest argwöhnt die schrullige Kollegin Bella (Kerry Fox), nachdem deren Hund Bello für eine Nacht im Gewächshaus eingeschlossen war und sie ihn am Morgen darauf nicht wiedererkennt. Aber kann man der labilen Frau glauben, deren einziger Freund im Grunde ebendieser Hund ist, was schon die Namensgleichheit der Figuren – Bella und Bello – andeutet? Tatsächlich soll Little Joe die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin bewirken. Nicht ganz von der Hand zu weisen ist daher Bellas Einwand, dass der eher zurückhaltende Chris sich verändert habe, seit auch er die Pollen versehentlich eingeatmet hat. Aus Bellas Sicht würde der junge Forscher alles tun, um Little Joe zu beschützen, weshalb Bella sich hilfesuchend an Alice wendet. Doch als Projektleitung bleibt Alice skeptisch. Sie entwendet zudem ein Exemplar aus dem Labor und stellt es daheim auf, als Geschenk für den Namenspaten der Zuchtpflanze, ihren Sohn Joe (Kit Connor), mit dem die alleinerziehende Mutter wegen ihrer Arbeit kaum Zeit verbringt. Als daraufhin Joe beginnt seiner Mutter die kalte Schulter zu zeigen, wachsen auch in Alice die Zweifel. Doch für ein Zurück scheint es jetzt zu spät. Denn dem Forscherteam sitzt die Zeit im Nacken. Bis zur Blumenmesse muss die Pflanze die Marktreife erlangt haben und aus aller Welt sind bereits Bestellungen eingegangen.

LJ 1Der Film Little Joe – Glück ist ein Geschäft von Co-Drehbuchautorin und Regisseurin Jessica Hausner ist ein hochästhetisches Werk zwischen Phantastik, Science-Fiction und Horror, das zu einem unheimlichen Spiel mit den Deutbarkeiten anhebt und dessen Ausgang den Zuschauer:innen überlassen bleibt. Denn einerseits wird die Zuchtpflanze Little Joe als stille Bedrohung inszeniert, deren Schrecken im Verdeckten vonstattengeht – die mentale Gleichschaltung aller, die ihre Pollen einatmen. Anderseits bleibt der zunehmende Eindruck, die Menschen in Alices Leben könnten womöglich als Kollektiv gegen die Projektleiterin agieren, stets realistisch erklärbar. Immerhin hängt die Existenz ihrer Kollegen von dem wirtschaftlichen Erfolg der Zuchtpflanze ab, weshalb es plausibel wäre, wenn sie geschlossen gegen Alice vorgingen, um den Fortbestand von Little Joe entgegen ihren Zweifeln zu sichern. Und Alices Sohn Joe könnte lediglich in die Pubertät gekommen sein, in der es ganz natürlich wäre, sich von der Mutter distanzieren zu wollen, zumal diese den Jungen mehrfach wegen ihrer Arbeit hängen gelassen hat. Dennoch bleibt ein Restzweifel, ob Little Joe die Menschen nicht doch manipuliert, was insbesondere in der fremdartigen, dabei hochgradig ästhetisierten Inszenierung der Pflanze begründet ist. Die Fantasie kann geradezu ins Arbeiten geraten, wenn die Zuschauenden die andersweltliche Purpurschönheit der Blüte in langen unbewegten Einstellungen betrachten, untermalt mit gespenstischer, zugleich hypnotischer Musik, der ein unangenehmes Fiepen beigemischt ist und die umso verstörender wirkt, weil der Film in anderen Szenen auf eine auditive Emotionalisierung des Gezeigten durch Musik verzichtet. Ebenjener durch die Inszenierung beschworene Restzweifel ruft das Unheimliche herbei, das bedrückende und auch berückende Gefühl, dass unter der Oberfläche der Normalität eine verborgene Mechanik am Werke ist, die das Verhalten der Menschen beeinflusst und ihre geglaubte Freiheit unterläuft.

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LJ 3Die in Teilen schon angesprochene Ästhetisierung des Gezeigten verleiht dem Film eine gewisse Surrealität, die mit zur Wirkung des Unheimlichen beitragen kann. Bisweilen erscheinen die Figuren ungewöhnlich unbeholfen, was soziale Interaktionen anbelangt. Ihr Verhalten wirkt kühl und roboterhaft. Das betrifft insbesondere Alice, welche die Avancen ihres Kollegen Chris steril abweist und sich ihrem Sohn gegenüber auffällig distanziert verhält. Beinahe scheint es so, als würden die Figuren erst durch die Berührung mit Little Joes Pollen menschlich werden. Vielleicht aber macht sie die Zuchtpflanze, wie versprochen, auch einfach nur glücklicher. Zur Surrealität tragen neben der Musik auch die intensiven Farben, die Lichtgestaltung und die eher distanzierte Kameraperspektive bei. Diese ästhetischen Stilmittel senden in Little Joe widersprüchliche Signale, einerseits deuten sie das Ungewöhnliche an, ohne es explizit zu machen. Womöglich suggerieren sie es auch bloß. Andererseits schildern sie das Alltägliche, das aber distanziert und künstlich wirkt, während die Emotionalität der Figuren trotz ihrer Roboterhaftigkeit durch das überzeugende Schauspiel glaubhaft und nachvollziehbar bleibt.

Die britisch-österreichische Gemeinschaftsproduktion Little Joe – Glück ist ein Geschäft ist ein spezieller Filmgenuss, eine Perle der Phantastik, Science-Fiction und des Horrors, die sowohl ästhetisch als auch inhaltlich überzeugt und daher nicht grundlos 2019 auf dem Fantasy Filmfest gezeigt wurde, dennoch aber eher etwas für Filmgeschmäcker ist, die es ruhiger und dafür künstlerischer mögen, manche würde es Arthouse nennen.

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Trailer zu Little Joe

Infokasten

„Little Joe – Glück ist ein Geschäft“ (OT: Little Joe)

Regie: Jessica Hausner

Drehbuch: Géraldine Bajard, Jessica Hausner

Laufzeit: 105 Minuten

Produzent: Coop99 Filmproduktion, The Bureau, Essential Filmproduktion, Arte Deutschland TV u. a.

Verleih: X Verleih AG

Großbritannien, Österreich, Deutschland | 2020

Veröffentlichung: Kinostart am 09.Januar 2020. Ab dem 11.Juni 2020 im Handel erhältlich.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amFreitag, 26 Juni 2020 10:18
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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„Der Tausendsakerment! / Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent!“

– Johann Wolfgang von Goethe in einem 1774 zunächst anonym veröffentlichten Gedicht, das dem Schriftsteller als provokante Antwort auf eine Rezension über seinen Drama Götz von Berlichingen (1773) diente.

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