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Film

„Der Samurai“: eine lange Nacht des Schreckens

Filmausschnitt Edition Salzberger Filmausschnitt

Der Dorfpolizist Jakob sieht sich einer unerwarteten Bedrohung gegenüber, als ein mit Samurai-Schwert bewaffneter Fremder die natürliche dörfliche Ordnung stört.

Rezension und Einordnung

DS 5Ein deutscher Genrefilm, dem internationale Aufmerksamkeit zuteil wurde, nur wenige Regisseure können das über ihr Spielfilmdebüt sagen. Der gebürtige Berliner Till Kleinert hat dies bereits mit seinem Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) geschafft. 2014 sorgte Der Samurai für viel Aufmerksamkeit bei jenen Menschen, die über den Rand des Mainstream-Kinos hinausblicken. Mit einer besonderen Mischung aus Kriminalgeschichte, Thriller und (anfangs) wirklichkeitsnahem Horror, der zunehmend ins Phantastische entrückt wird, ist Der Samurai ein Film, der einzigartig in Form und Inhalt ist.

Die Bühne für die Geschichte einer langen Nacht des Schreckens bietet ein idyllisches kleines Dorf an der deutsch-polnischen Grenze. Hier sieht sich der junge Dorfpolizist Jakob (Michel Diercks) mit einem wildernden Wolf konfrontiert. Seine Strategie: Nahrung für den Wolf außerhalb des Dorfes im nahegelegenen Wald platzieren, damit dieser nicht mehr in die Siedlung hineingeht. Dennoch wildert das Tier weiter, reißt Hühner und durchwühlt den Müll. Viele im Dorf sehen Jakobs Strategie kritisch. Die wenigsten haben überhaupt Respekt vor Jakob. Besonders die Dorfjugend mit ihren Mofas bringt dem jungen Polizisten nichts als Verachtung und Ungehorsam entgegen. Nach dem Tod seiner Eltern muss Jakob sich zudem um die Pflege seiner Großmutter (Ulrike Hanke-Haensch) kümmern, bei der er mit im Haus wohnt. Einziger Ausgleich für all den Stress und die Ausgrenzungen findet Jakob in seinem Hobby, dem Modellbau. Doch dieser Tag soll anders verlaufen. Ein Paket wird in der Polizeistation zugestellt, an Jakob, doch eigentlich ist es für jemand anderen. Das lange Paket ist adressiert an „den einsamen Wolf“. Wer das ist, gilt es noch herauszufinden. Nach einem üblichen Arbeitstag beginnt die Nacht. Jakob nimmt das Paket mit nach Hause, da er nicht weiß, was er damit sonst tun soll und sein Kollege das Paket nicht im Revier haben will. Im Nachbarort ist ein großes Dorffest, viele der Einwohner sind dorthin aufgebrochen. In dieser Nacht ist alles etwas anders, doch Jakob ahnt noch nicht, wie sehr. Während er an seinem Dorfdiorama werkelt, klingelt plötzlich das Telefon. Am anderen Ende eine fremde Stimme, die nach einem ungewöhnlichen Dialog die Adresse offenbart, zu der das Paket zugestellt werden soll. Jakob bricht dorthin auf, da er das Heulen des Wolfes im Telefon gehört hat.

Das Haus ist etwas abgelegen, am Rand des Dorfes mitten im Wald. Es ist verfallen und scheint unbewohnt zu sein. Jakob trifft auf den Wolf, als dieser durch den Garten streift. Im Haus bietet sich ein anderes Bild. Ein groß gewachsener Mann in einem Kleid sitzt auf einem Bett, trägt Lippenstift auf und äußert, dass er heute noch tanzen gehen will. Die Situation ist befremdlich, vor allem für Jakob. Als der Mann das Paket öffnet und ein Katana (Samurai-Schwert) herausnimmt, wird offenbar, dass etwas nicht stimmt. Die Situation droht zu eskalieren, doch Jakob behält einen kühlen Kopf – zunächst. Der Fremde entkommt und macht fortan als der Samurai (Pit Bukowski) die Nachbarschaft unsicher. Diese Nacht hält für Jakob ungeahnte Herausforderungen bereit und er befindet sich in einem gefährlichen Spiel mit einem psychopathischen Killer.

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DS 2Till Kleinert schafft in diesem Film eine absolut bedrückende und intensive Atmosphäre. Die 79 Minuten vergehen dadurch sehr schnell, sind jedoch packend und emotional. Zunächst scheint der Samurai nur ein Wahnsinniger mit einem Schwert zu sein, der ziellos für Chaos sorgen will. Allerdings ist dort mehr, Jakob und der Fremde sind auf eine besondere Weise miteinander verbunden. Nahezu so, als sei der Samuari nur ein Konstrukt von Jakobs Gedanken. Er ist fasziniert von dem Psychopathen, der in seiner Spur der Vernichtung auch all jene Menschen attackiert, die Jakob das Leben zur Hölle machen. Dabei spielt der Film mit Homoerotik, die in einem möglichen Coming-Out des jungen Polizisten münden könnte, der sich selbst seiner eigenen Sexualität nicht bewusst zu sein scheint. Es greift nicht zu weit, Der Samurai als ein Meisterwerk zu bezeichnen. Ein Horrortrip in einer Höllennacht braucht nicht unendlich viele Effekte, plumpes Schlachtvieh und literweise Kunstblut. Durch punktuelle Momente absoluten Terrors wirkt der Antagonist in diesem Film wie ein unkontrollierbares Monster, doch Jakob muss es irgendwie gelingen, dieses zu bändigen.

Manchmal braucht es nur zwei starke Figuren und einen Verstoß gegen die geltenden Normen, um ein besonderes Werk zu schaffen. Michel Dierks ist hier erstmals in einer großen Rolle zu sehen und überzeugt auf ganzer Linie mit seiner Performance. Pit Bukowski als der Samurai spielt ebenfalls exzellent und bestätigt auch hier, dass er einer der außergewöhnlichsten Schauspieler in Deutschland ist. Die Dualität von Jakob und dem Samurai ist großartig. Dies gelingt besonders durch Jakobs Faszination für die Wildheit und den Freigeist des Antagonisten. In diesem Film läuft alles auf einen Höhepunkt zu, der jedoch schwer absehbar ist. Es flirrt zwischen verschiedenen Möglichkeiten in Handlungsverlauf und Deutbarkeit. Ist all das nur ein Hirngespinst in Jakobs Wahrnehmung oder findet das alles wirklich statt? Unter anderem dadurch kann Der Samurai als Werk der Phantastik eingeordnet werden.

Im Kino der Traum GmbH (früher Traumfabrik) in Kiel hat die Filmreihe Mondo Grindhouse – Filme für den abseitigen Geschmack ihr Zuhause. Im Zuge dieser Reihe wird am 27. Februar 2019 Der Samurai nochmal auf einer großen Leinwand zu sehen sein. Wer lokal ansässig ist, sollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Der Samurai ist ein unangepasster Film, ein Werk, das nicht in irgendwelche Schubladen passt und deren verschiedene Aspekte alle gleichermaßen wichtig sind. Eine Besprechung greift oftmals nur einen dieser Aspekte auf, oftmals ist es im Fall dieses Films die Homosexualität. Man kann mit einer Einordnung nur versuchen einen Überblick dessen zu bieten, was einen erwarten kann, doch was man aus dem Werk mitnimmt, muss jeder selbst entscheiden. Der Samurai ist in der Summe aller seiner Merkmale ein spezielles Werk, großartige Filmkunst und ein Meisterwerk.

Trailer zu Der Samurai

Infokasten

Regie: Till Kleinert

Drehbuch: Till Kleinert

Produktion: Schattenkante, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), Anna & Linus de Paoli

Verleih: Edition Salzberger

Laufzeit: 79 Minuten (uncut)

Deutschland | 2014

Veröffentlichung: Der Film ist auf DVD im Handel erhältlich.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amMittwoch, 27 Februar 2019 18:04
Thomas Heuer

Medienwissenschaftler M.A., Multimedia Production B.A., Horrorforscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

 

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„Das Wort Kunst bezeichnet [...] im engeren Sinne Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber seit der Moderne auch der Prozess selber sein.“

– Wikipedia