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Film

Fortsetzung nach 35 Jahren: „Blade Runner 2049“

Werbematerial (Ausschnitt) Columbia Pictures Werbematerial (Ausschnitt)

Denis Villeneuve bringt nach 35 Jahren eine Fortsetzung von Blade Runner auf die Leinwand. Ein Film, über dessen Inhalt man nichts wissen sollte – vor dem Genuss.

Rezension und Einordnung

Es ist nun doch geschehen. Eine Fortsetzung zu einem Werk, das keiner Fortsetzung bedarf. Sowas geschieht aktuell recht häufig, es scheint, als fehlten Hollywood die Ideen. Wie sonst kann man erklären, dass es derzeit viele Neuauflagen – Fortsetzungen, neue Interpretationen oder Remakes – in der Filmlandschaft gibt? Mit ES und Blade Runner 2049 sind es gleich die größten Titel im Herbst 2017 – im für dieses Magazin relevanten Sektor. Was haben beide Filme gemein? Sie sind großartig und eine wahre Bereicherung für ihr jeweiliges Genre, beide sind Literaturadaptionen und beide werden sehr viel Geld einspielen.

Da ich mich weigere, auch nur ein winziges Fragment über den Inhalt des neuen Blade Runner preiszugeben, wird diese Rezension ungewöhnlich sein, eine Herausforderung, die aber dennoch eine Bereicherung für den Lesenden erzeugen soll. Hierfür sollen darstellerische und technische Qualität des Werkes diskutiert werden. Ferner soll eine Einordnung des Werkes stattfinden, das stilistisch im besten Sinne an den ersten Film erinnert.

BR2 3Mit Ryan Gosling, Harrison Ford, Robin Wright, Jared Leto und Barkhad Abdi ist der Film in Haupt- und Nebenrollen überragend besetzt. All diese Schauspieler liefern beeindruckende Performances. Die Leinwandpräsenz von Ryan Gosling ist beeindruckend, besonders stark ist sein Mienenspiel, das bereits seine Leistung in La La Land so sehenswert machte. Blade Runner 2049 nimmt sich viel Zeit für die Figurenzeichnung aufseiten der handlungsführenden Figuren. Der Film wird wirklich langsam erzählt und wirkt angenehm entschleunigt. Dabei werden – wie nebenbei – verschiedene Konfliktebenen geschaffen und in den Verlauf der Handlung eingewoben. Dieses Kunststück gelingt ausgesprochen gut und führt zu einem beeindruckenden Twist, der vielen, die glauben, das Werk frühzeitig entschlüsselt zu haben, das Gefühl geben wird, eine wahrhafte Überraschung zu erleben. Denn Blade Runner 2049 schlägt Haken, erzählt vieles, das zunächst irrelevant erscheint, um am Ende alle diese Stränge zu vereinen. Dadurch ist der Film aus der Feder von Hampton Fancher (Blade Runner) und Michael Green (Alien: Covenant) komplexer als die Erzählung des ersten Teils. Es ist zudem eine Fortsetzung durch den Originaldrehbuchautor, der seine Interpretation von Philip K. Dicks Do Androids Dream of Electric Sheep? hierbei weiterführt und um weitere philosophische und ethische Konflikte erweitert.

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Der Film könnte eine weitere Fortsetzung andeuten, so wie es auch der erste Blade Runner getan hat. So gelungen Blade Runner 2049 auch ist, eine weitere Fortsetzung könnte den Geist des Werkes schröpfen, in dem dieses Kunstwerk, als Fortsetzung eines Kunstwerkes, auf seine marktwirtschaftliche Funktion als Ware reduziert werden könnte. Rechteinhaber ist nun Sony und nicht mehr Warner Bros., es ist also möglich, dass auch Blade Runner fortgeführt wird, zumal Produzent Ridley Scott derzeit viele Werke in der Erzählwelt von Blade Runner und Alien platzieren möchte. Narrativ wäre eine Fortsetzung ein logischer Schritt, wenn Scott Alien und Blade Runner immer stärker annähern möchte, ist es wenig verwunderlich, dass einer der Drehbuchautoren von Alien: Covenant am neuen Blade Runner beteiligt ist. Beiden Werken ist gemein, dass die technischen Entwicklungen unserer Welt konsequent nur sekundär in das Weltdesign der Inszenierungen eingebunden werden. Eine solche Linie vermisst man beispielsweise beim neueren Star Trek, besonders bei der Serie Discovery.

BR2 2Blade Runner 2049 bietet auf technischer Ebene einiges. Die Kameraarbeit ist exzellent, die Gestaltung der Bilder ist herausragend. Mit viel Ruhe werden die Einstellungen präsentiert, genug Zeit, um die Bilder wahrhaft zu begreifen, die Erzählung, die durch die Bilder vermittelt wird, zu erfassen. Während in Blade Runner die schäbigen Straßen eines futuristischen Los Angeles präsentiert werden, konzentriert sich die Fortsetzung auf ländlichere Regionen. Positiv ist hierbei die Multilingualität der Welt, in der so viele Kulturen auf engstem Raum koexistieren. Die 3D-Fassung des Werkes ist überaus gelungen und bietet tatsächlich einen Mehrwert für den Filmgenuss. Die Actionsequenzen sind beeindruckend, aber auch nicht opulenter Hochglanz, sondern kunstvoll und dreckig. Die Welt ist kein besonders schöner Ort mehr in Blade Runner 2049, das hat auch einen Einfluss auf die Einwohner des Planeten – sowohl auf Menschen als auch auf Replikanten. Letztere sollen von den Blade Runnern ausgeschaltet werden, wenn diese von ihrer eigentlichen Aufgabe abweichen. Wie auch im ersten Teil ist dies der Ausgangspunkt des Konfliktes, der die philosophische Frage aufwirft: Was ist Leben?

Wer einen einzigartiges Werk sehen möchte, das auch ohne die Kenntnis von Blade Runner funktionieren dürfte, der bekommt einen der besten Filme der letzten Jahre geboten. Ästhetisch, ruhig, vielschichtig und facettenreich ist Blade Runner 2049. Ein Film der – anders als Star Wars VII – der Leinwand-Ikone Harrison Ford die Gelegenheit bietet, sein Können noch einmal vollständig zu präsentieren. Das philosophische Werk überzeugt auf ganzer Linie, passt mit seinem sperrigen und langsamen Stil nicht ins aktuelle Mainstream-Kino, schafft jedoch das Kunststück in allen Belangen die Qualität von Blade Runner erneut zu präsentieren und ist somit ein wirklich gelungener Film.

Trailer Blade Runner 2049

Infokasten

„Blade Runner 2049“

Regie: Denis Villeneuve

Drehbuch: Hampton Fancher, Michael Green und Philip K. Dick (Roman)

Produzent: Ridley Scott, 16:14 Entertainment, Alcon Entertainment, Columbia Pictures

Laufzeit: 163 Minuten (uncut)

USA | UK | Kanada | 2017

Ab dem 05.10.2017 im Kino in 2D und 3D.

Letzte Änderung amMontag, 09 Oktober 2017 16:05
Thomas Heuer

Medienwissenschaftler M.A., Multimedia Production B.A., Horrorforscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

 

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