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Musik-Allerei

Am 8-Bit-Lagerfeuer mit der Band pornophonique

Website (Ausschnitt) www.pornophonique.de Website (Ausschnitt)

Zwei Jungs aus Darmstadt machen 8-Bit-Poprock über traurige Roboter, die Einsamkeit im Computerdungeon und Liebe als 1/2-Player-Game. Sie nennen sich pornophonique und lassen Gitarrengeschrammel auf Gameboy-Sounds treffen, zwei Welten verweben sich zu Herzschmerzsongs am Lagefeuer.

pornophonique1Gameboy meets Lagerfeuer – das ist das ästhetische Programm der Band pornophonique. 8-Bit-Sounds von Konsolen wie Gameboy und C64, die den ersten Spielergenerationen noch ein Begriff sein dürften, verschränken sich mit poppiger Gitarrenmucke. Ein unerwartetes, aber gelungenes Crossover, das sich auf der Textebene der Songs fortsetzt und Metaphern aus Gamer-Wortschatz baut, um althergebrachte Lagerfeuerthemen wie Liebe, Einsamkeit und Herzschmerz neu zu vermitteln.

In der Untergrund-Musikszene dürften Kai Richter und Felix Heuser schon länger als pornophonique bekannt sein. Ihr Tourdaten-Archiv reicht bis ins Jahr 2003 zurück. Sie treten noch immer regelmäßig auf, spielten unter anderem schon auf der Wahlparty der Piratenpartei und beim Open Music Contest an der Universität Marburg. Man kann sie definitiv als Geheimtipp aus computeraffinen Kreisen bezeichnen. Aber auch mit der Comicszene verbindet die Darmstädter Musiker einiges. Für jeden ihrer acht Tracks hat je ein Comiczeichner ein Cover entworfen.

Angefangen hat denn auch alles im Comic-Shop um die Ecke, wo sich die Bandkollegen kennenlernten. Kai Richter hatte da schon in Heavy-Metal-Bands gespielt und wollte mal ein ruhigeres Akustik-Projekt ausprobieren. Da traf er Felix Heuser, der auf seinem Gameboy Musik machen kann. Mit einem Steckmodul lässt sich das Nintendo-Urgestein von einem Handheld umprogrammieren. Aus einer Spielkonsole wird so ein Musikinstrument, das Heuser bei jedem Auftritt live spielt und dabei notwendigerweise aussieht, als würde er zum Beat Games zocken.

Der auffällige Bandname rührt noch von der ersten Idee her, so etwas wie Softporno-Musik zu machen, eine Stilrichtung, die Kai Richter gegenüber comicradioshow.com auch „elektro-akustische Fahrstuhlmusik“ nannte. Naja, das mit der Idee wurde nichts, der Name aber blieb.

pornophonique2Mit dem Motto „no need 4 evil music“ haben pornophonique ihr Album 8-bit lagerfeuer im Netz veröffentlicht – vermutlich nicht nur um 'böse' Musik zu vermeiden, sondern auch weil sie einfach kein Label finden konnten, wie sie selbst verraten haben. Schade eigentlich. Sie hätten es verdient. Wer die Jungs aber trotzdem supporten will, kann sich die Platte in ihrem Shop zulegen, was durchaus fair ist. Immerhin haben sie die Produktion des Albums selbst finanziert – zwar mit etwas Glück, Freundschaftspreisen und T-Shirt-Teilfinanzierung durch Fans, selbst drauflegen mussten sie trotzdem noch einiges.

Reinhören können jedenfalls alle, die der Webseite von pornophonique mal einen Besuch abstatten, der Band, die niemals ganz unplugged spielen wird, nicht mal am Lagerfeuer: der Gameboy muss immer mit, was Retroherzen höher schlagen lassen dürfte.

 

Links

www.pornophonique.de

Letzte Änderung amFreitag, 18 August 2017 17:56
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker, Gründer von Mellowdramatix, Studierter (Germanistik & Skandinavistik, M.A.); am Meer geboren; auf Twitter als er selbst (@avmllr) und in seinem Schreibatelier (@anderwaerts)

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