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Horrorfilm

Grotesk und irrwitzig: „The Editor“

Filmplakat (Ausschnitt) Pierrot le Fou Filmplakat (Ausschnitt)

Zwischen Trashfilm und Kunst entpuppt sich The Editor als ein humorvoller Mind-Fuck-Trip, der stilistisch zwischen Nurse 3D, Wrong und Giallo-Horrorfilm pendelt.

Man legt ohne böse Vorahnungen The Editor in den Player, drückt auf Start und rechnet mit einem B-Horrorfilm, der den Spirit der Achtziger versprüht. Was man zunächst geboten bekommt, ist ein unbeschreiblich schlecht gespielter Horrorfilm. Plötzlich wird es ultrabrutal! Nicht nur durch den visuell heftig inszenierten Kill, sondern vornehmlich durch den anschließenden Bruch mit der filmischen Wirklichkeit innerhalb des Werkes. Augenblicklich ist man mit einem Editor (Adam Brooks) – also einem Cutter für Filme – und seiner Assistentin (Samantha Hill) in einem Schnittraum. Da wird klar: Der Film, den der Zuschauer bis eben gesehen hat, ist ein Film im Film, nämlich der, an dem der Editor grade arbeitet. Und jetzt sieht man dem bei der Arbeit zu? Warum hat der Cutter Holzfinger an der einen Hand? Was genau passiert hier grade? Ist der nächste Mord nun wirklich geschehen oder war das jetzt im Film oder am Set von dem Film, bei dem der Editor arbeitet?

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Editor3Fragen über Fragen. Es gibt nur eine klare Antwort darauf und die nennt sich Metafiktion. The Editor lässt durch die Montage des Werkes innerhalb des Films selbst eine nicht mehr stringent nachvollziehbare Erzählung entstehen. Diese erzählt die Geschichte des Cutters Rey Ciso, einerseits von seiner Arbeit am Filmset eines blutigen Giallo-Horrorfilms, andererseits aus seinem Privatleben. Hinzu kommen die Ermittlungen des Kommissars Peter Porfiry (Matthew Kennedy), der die Morde am Filmset untersucht. Auf mehreren Ebenen, zunächst innerhalb des Films im Film und außerhalb des Films im Film, wird eine mit jeder Minute abgedrehtere Narration entfaltet, die zum einen Rey Ciso und zum anderen Peter Porfiry in den Handlungsmittelpunkt stellt. Neben diesen beiden gibt es noch eine Vielzahl von verrückten, karrieregeilen, wahnsinnigen oder einfach nur bescheuerten Nebenfiguren – das ist positiv gemeint. Paz de la Huerta liefert die Overacting-Performance des Jahres, in der Rolle von Reys Ehefrau und gescheiterter B-Movie-Filmikone.

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Editor5Der Film ist mit großer Liebe zum Detail ausgestattet und eine Hommage an die Giallo-Filme von Dario Argento und Mario Bava. The Editor vermittelt den Geist der Achtziger, gemischt mit ein bisschen vom Geist der Liebe aus den Sechzigern. Grandios der Umgang des Editors, als er eine Betacam (alternatives Videoformat zur VHS) bekommt und nicht weiß, wie er die Bilder daraus bekommen soll. Sex, viel Gewalt und einige Klischees sind ebenfalls enthalten, sodass hier ein absurdes, groteskes und irrwitziges Stück Filmgeschichte vorliegt, dass – bei aller angesetzten Satire – einen Kniefall vor dem B-Movie-Horror aus den USA und den Werken der oben genannten Regisseure der späten Siebziger und Achtziger Jahre darstellt.

Zwischen Himmel und Hölle, Dämonen und Filmset, Mind-Fuck und narrativem Progress stellt sich ein positives Grundgefühl beim Zuschauer ein. Was teilweise wie oberflächlicher Blödsinn erscheint, ist oftmals eine Kritik an Hollywood, der Filmwelt oder anderen ernsten Themen. In diesen Strudel aus Verwirrung, Blut und – teilweise bösestem – Humor muss man sich einfach hineinwerfen. Mir selbst würde ich diesen Film uneingeschränkt empfehlen – das will was heißen.

Trailer The Editor

Infokasten

„The Editor“

Regie: Adam Brooks, Matthew Kennedy

Drehbuch: Adam Brooks, Matthew Kennedy

Produktion: Astron-6, Telefilm Canada

Verleih: Pierrot le Fou

Laufzeit: 95 Minuten (Uncut)

Kanada | 2014

Ab dem 23.06.2017 erhältlich auf DVD, Blu-ray-Disc und Video-on-Demand (VoD).

Letzte Änderung amFreitag, 18 August 2017 21:19
Thomas Heuer

Medienwissenschaftler M.A., Multimedia Production B.A., Horrorforscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

 

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– Charles Darwin, 1871

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