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Fantastik-Film

„Doll in the Dark“, eine ungewöhnliche Erzählung über Einsamkeit

Filmplakat (Ausschnitt) AD Calvo Filmplakat (Ausschnitt)

Doll in the Dark von A. D. Calvo dreht sich um eine junge Frau, die die Gesellschaft einer lebensechten Puppe sucht, um den Tod ihrer Mutter zu überwinden.

Auf den Fantasy Filmfest Nights 2017 haben wir das jüngste Werk von Regisseur und Drehbuchautor A.D. Calvo sehen dürfen: die Indieperle des Geisterfilms Sweet, Sweet Lonely Girl. Über ein freundliches Interview mit Calvo kamen wir schließlich zu der Gelegenheit, dessen zweiten Langfilm Doll in the Dark zu sichten, der ähnlich wie Sweet, Sweet Lonely Girl sehr ruhig und minimalistisch von einer jungen Frau erzählt, die in der Einsamkeit ihres Lebens eine ungewöhnliche Wandlung durchmacht. Im Gespräch verriet uns der Filmemacher, dass Doll in the Dark zu einer Art Underground-Kultfilm avancierte, weil Robin Lord Tayler die männliche Hauptfigur spielt, einen Emo namens Dukken, und zwar bevor er durch seine Rolle als Der Pinguin in der Serie Gotham bekannt wurde.

doll1Melanie Crow (Amy Crowdis) lebt nach dem Tod ihrer Mutter zurückgezogen im Haus der Eltern. Gegen die Leere und das Alleinsein hat sich die Frau eine lebensgroße Puppe namens Mor gebastelt – was Dänisch ist und Mutter bedeutet. Mor ist immer an Melanies Seite, mit ihr redet die Frau, kleidet sie ein und bringt sie zu Bett. In diese bizarre Ordnung der Dinge tritt zur Weihnachtszeit der junge Gothic Dukken (Robin Lord Taylor), der sich in einer melancholisch verqueren Art für das Düstere interessiert, das Melanie ausstrahlt. Obwohl sie abweisend und unhöflich zu ihm ist, lässt Dukken nicht locker. Er will Melanie für sich gewinnen. Das allerdings bringt ein Ungleichgewicht in die Beziehung zwischen Melanie und ihrer Puppe Mor, auf die die Frau die Stimme ihrer Mutter projiziert oder – wer weiß? – in der tatsächlich der Geist jener Verstorbenen haust. Jedenfalls zeigt sich Mor nicht begeistert von Dukkens Avancen und auch Melanies Verhalten wird zunehmend seltsamer.

Doll in the Dark ist von der ersten Minute an skurril und von diesem Flair lebt der Film, der allein durch seinen narrativen Aufbau und die Bildgestaltung – also ohne pompöse Effekte – Spannung und Beklemmung aufzubauen weiß. Es ist schon verstörend, Melanie dabei zu beobachten, wie sie vor dem Badspiegel eine Nagelschere in ihr Gesicht drückt, ganz zart nur, fast liebkosend, als spiele sie mit der Schärfe und der Möglichkeit der Verletzung. Kurz zuvor hatte Melanie noch eine glitzernde Kette aus Rasierklingen über ihren Weihnachtsbaum gehängt. Aber auch Dukken mit seiner schrulligen Art, seinem Gothic-Look und der bizarren Faszination für die Merkwürdigkeiten Melanies tragen zur Atmosphäre des Films bei. Es ist ein unangenehm düsteres Vergnügen dieser Liebesgeschichte zu folgen, die durchsetzt ist mit Fremdartigen, das mit einem Fuß bereits über die Grenze zum Phantastischen hinaus ist. Bisweilen möchte man lachen, aber dann bleibt das Lachen doch im Halse stecken.

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doll2Wie in Sweet, Sweet Lonely Girl setzt A. D. Calvo auch in diesem Werk nur in ausgewählten Szenen Musik ein, nämlich immer dann, wenn das Fremdartige plötzlich auftritt und durch eine verstörende Melodie untermalt wird. Insbesondere die Puppe ist ein Quell des Unheimlichen und stets so arrangiert, dass man im Ungewissen darüber bleibt, ob etwa Melanie sie bewegt hat oder ob sie sich womöglich gar selbst so drapiert hat. Selbst wenn es allein Melanie wäre, so hinterlässt die Frage, weshalb sie so etwas tut und ob sie etwa Teile ihrer Persönlichkeit in die Puppe abgespalten hat, eine dunkle Beklommenheit. Das überraschende Ende schließlich legt die Frage nahe, ob man den Film nicht auch als große Metapher verstehen kann.

Doll MelaEigentlich sollte der Film unter einem anderen Titel, nämlich als The Melancholy Fantastic, veröffentlicht werden, erzählte Calvo im Interview. Doll in the Dark wurde aber von keinem Vertrieb genommen, weil er als zu kurz galt. Daraufhin habe Calvo den Film umgeschnitten und unter dem jetzigen Titel 2016 in Großbritannien herausbringen können. Diesen Film mit Kultpotenzial und Robin Lord Taylor als vertrauensseligen Emo auf DVD im Geschäft zu bekommen, ist derzeit unmöglich. Digital ist er allerdings über Amazon UK und Distrify.com zu haben. Diese Chance sollte jeder ergreifen, der etwas für das Ungewöhnliche in Filmen übrig hat.

Trailer zu Doll in the Dark (in Englisch)

Infokasten

„Doll in the Dark“ (AT: The Melancholy Fantastic)

Regie: Alejandro Daniel (a.k.a. A. D. Calvo)

Drehbuch: Alejandro Daniel (a.k.a. A. D. Calvo)

Laufzeit: 73 Minuten

Produzent: Budderfly Productions

Verleih: Safecracker Pictures

UK 2016 (produziert in den USA)

In Deutschland derzeit nicht verfügbar.

Letzte Änderung amFreitag, 18 August 2017 22:08
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Der Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die Elfenbein- oder Horntore dringen können, die uns von der unsichtbaren Welt scheiden. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes. Eine nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, und wir können den genauen Augenblick nicht feststellen, wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit des Daseins fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt sich allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in ernster Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den Vorhof der Ewigkeit bewohnen. Dann nimmt das Bild Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet diese Erscheinungen in wunderlichem Spiel: - es öffnet sich uns die Welt der Geister.“

– Gérard de Nerval in „Aurelia oder Der Traum und das Leben

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